ÜBEN

2022-12-09T14:26:03+00:00November 21, 2022|0 Kommentare

Gleich fange ich an. Noch fünf Minuten. Zuerst noch einen Tee kochen – wo sind denn diese gerollten Blattkugeln, die mir meine nette Nachbarin aus Japan mitgebracht hat? Der beste grüne Tee, den ich je getrunken habe. Kann die Dose nicht finden. Dabei fällt mir auf, dass ich den Wasserkocher entkalken wollte, das könnte ich eigentlich noch schnell machen. Der Entkalker kann während des Übens einwirken. Suche erfolglos nach der Flasche. Stimmt, sie war leer, ich habe sie vor ein paar Wochen weggeschmissen. Jetzt steht „Entkalker“ auf der grundsätzlichen Einkaufsliste, die man nie mitnimmt, wenn man einkaufen geht, man nimmt immer nur die dringende mit. In mir breitet sich eine ganz grundsätzliche Motivationsschwäche aus. Wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich das Gefühl, dass alle Pläne sinnlos sind, und damit auch die Vorbereitung aller Pläne. Also auch das Üben.

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Gleich fange ich an. Noch fünf Minuten. Zuerst noch einen Tee kochen – wo sind denn diese gerollten Blattkugeln, die mir meine nette Nachbarin aus Japan mitgebracht hat? Der beste grüne Tee, den ich je getrunken habe. Kann die Dose nicht finden. Dabei fällt mir auf, dass ich den Wasserkocher entkalken wollte, das könnte ich eigentlich noch schnell machen. Der Entkalker kann während des Übens einwirken. Suche erfolglos nach der Flasche. Stimmt, sie war leer, ich habe sie vor ein paar Wochen weggeschmissen. Jetzt steht „Entkalker“ auf der grundsätzlichen Einkaufsliste, die man nie mitnimmt, wenn man einkaufen geht, man nimmt immer nur die dringende mit. In mir breitet sich eine ganz grundsätzliche Motivationsschwäche aus. Wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich das Gefühl, dass alle Pläne sinnlos sind, und damit auch die Vorbereitung aller Pläne. Also auch das Üben.

Öffne wiederwillig den Cellokasten. Eigentlich wollte ich ja diese neuen Saiten ausprobieren, die ich mir bestellt habe. Naja, vielleicht nicht gerade jetzt. Nehme das Cello und spiele einige Töne. Bei der ersten Terz graben sich meine Fingernägel knirschend ins Griffbrett. So geht es schonmal überhaupt nicht. Mache mich auf die Suche nach einem Nailclipper.
Drei Minuten später. Spiele halbherzig eine Tonleiter. Mein Gehör sträubt sich mit Händen und Füßen. Mit der Intonation ist es wie mit einer guten Ehe: Ab einem gewissen Zeitpunkt sollte man keine allzu grundsätzlichen Fragen mehr stellen.

Vielleicht hilft zum Warmwerden das Wiederholen einer Etüde. Gehe zum Notenregal. Stimmt, hier wollte ich eigentlich mal systematisch Ordnung schaffen. Vielleicht nicht gerade jetzt… Ach, da ist ja die Strauss Metamorphosen Stimme von meinem letzten Projekt! Wie lange ich nach ihr gesucht habe… Aber jetzt kann ich sie nicht mehr zurückgeben, sonst muss ich die Gebühr für verschwundenes Leihmaterial bezahlen.
Fünf Minuten später. Die Piatti Capricen stehen auf dem Notenständer. Stimme das Cello noch einmal sehr sorgfältig. Dabei klingelt mein Handy… am besten nicht hinschauen! Zu spät. Es ist Saskia, sie hat gerade wirklich interessanten Liebeskummer. Seit Tagen warte ich darauf, wie es weitergeht.

Eine halbe Stunde später. Stürze mich voller Konzentration auf Piatti Nr.6, komme allerdings nicht weit. Meinem Gehör stehen sämtliche Haare zu Berge. Spiele jetzt sehr langsam. Schließe die Augen und öffne sie wieder, starre vor mich hin, während ich zuhöre, und sehe auf dem Boden eine Ameise. Mein Hirn macht einen großen Spagat. Die eine Hälfte sucht nach Obertönen im Celloklang, die andere schüttet spontane Ameisenassoziationen aus. Da ist zum Beispiel die Geschichte meiner Freundin Marion, der in der Küche ihres genial-chaotischen Freundes zufällig die Gardinenstange in den Blick geriet. Die hatte am rechten Ende eine Art schwarzes Ei, das ihr komisch vorkam. Beim näheren Hinsehen entpuppte es sich als eine Traube Flugameisen, deren Verwandte zwischen jeder Buchseite des Haushalts ein zu Hause gefunden hatten.

Höre abrupt auf zu spielen und hocke mich vor die Ameise. Kann sie fliegen? Stupse sie leicht mit dem Bogen an. Sie krabbelt schneller und schlägt Haken, aber abheben tut sie nicht. Gottseidank. In meinen Stunden mit Piatti ist sie vielleicht mein einziger Freund. Oder Freundin? Wie erkennt man das Geschlecht von Ameisen?
Piatti wird mir jetzt doch zu trocken. Stelle die Quartettstimme für die Uraufführung in einer Woche auf den Notenständer. Die muss ich noch einrichten, irgendwann muss ich es ja tun. Betrachte angestrengt das Notenbild — bei jedem zweiten Takt muss ich in der Legende nachschauen, was genau mit der Spielanweisung gemeint ist. Eigentlich würde ich die Stimme lieber der neuen Galerie um die Ecke stiften. Dort würde man in Ruhe ihre Gestaltung bewundern, anstatt sich mit der praktischen Bedeutung herumzuschlagen.

Suche einen Bleistift. Finde in meinem Cellokasten einen Proteinriegel, einen Hoteldämpfer, ein Handykabel und eine Nagelfeile. Dann einen Bleistift, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem gerecht, dass ich ihn habe – ich verliere meinen immer sofort, was heißt, dass ihn in diesem Moment vermutlich auch jemand findet, der ihn noch nie gesehen hat. Mache mich daran, die Stimme in einen lesbaren Notentext umzuschreiben.

Zwanzig Minuten später. Gilt das jetzt als Üben, das graphische Beschäftigen mit dem Notentext? Jedenfalls war ich dabei voll konzentriert und nicht gedanklich gespalten. Vielleicht sollte ich diesen Gemütszustand sofort auf die Piatti Caprice übertragen. Beginne wieder in As-Dur. Sobald der erste Ton erklingt, ist mein Kopf vollkommen leer. Vielleicht ist das diese Leere, auf die Buddhisten immer so schwören? Manche Menschen bezahlen teure Seminare, um aus einsamer Aussichtslosigkeit Inspiration zu schöpfen.

Zwanzig Minuten später.
Schluss mit dem Selbstmitleid! Vielleicht hilft ein eher kreativer Ansatz. Beschließe, eine Tarot-Karte zu ziehen und zu der gezogenen Karte zu improvisieren. Ziehe den Narr.

„Der Zustand vor Anbeginn“ steht dazu in meinem Tarotbuch. „Das Paradox, dass Nichts etwas ist.“
Packe das Cello jetzt entschlossen in den Kasten zurück.

Öffne wiederwillig den Cellokasten. Eigentlich wollte ich ja diese neuen Saiten ausprobieren, die ich mir bestellt habe. Naja, vielleicht nicht gerade jetzt. Nehme das Cello und spiele einige Töne. Bei der ersten Terz graben sich meine Fingernägel knirschend ins Griffbrett. So geht es schonmal überhaupt nicht. Mache mich auf die Suche nach einem Nailclipper.
Drei Minuten später. Spiele halbherzig eine Tonleiter. Mein Gehör sträubt sich mit Händen und Füßen. Mit der Intonation ist es wie mit einer guten Ehe: Ab einem gewissen Zeitpunkt sollte man keine allzu grundsätzlichen Fragen mehr stellen.

Vielleicht hilft zum Warmwerden das Wiederholen einer Etüde. Gehe zum Notenregal. Stimmt, hier wollte ich eigentlich mal systematisch Ordnung schaffen. Vielleicht nicht gerade jetzt…
Ach, da ist ja die Strauss Metamorphosen Stimme von meinem letzten Projekt! Wie lange ich nach ihr gesucht habe… Aber jetzt kann ich sie nicht mehr zurückgeben, sonst muss ich die Gebühr für verschwundenes Leihmaterial bezahlen.
Fünf Minuten später. Die Piatti Capricen stehen auf dem Notenständer. Stimme das Cello noch einmal sehr sorgfältig. Dabei klingelt mein Handy… am besten nicht hinschauen! Zu spät. Es ist Saskia, sie hat gerade wirklich interessanten Liebeskummer. Seit Tagen warte ich darauf, wie es weitergeht.

Eine halbe Stunde später. Stürze mich voller Konzentration auf Piatti Nr.6, komme allerdings nicht weit. Meinem Gehör stehen sämtliche Haare zu Berge. Spiele jetzt sehr langsam. Schließe die Augen und öffne sie wieder, starre vor mich hin, während ich zuhöre, und sehe auf dem Boden eine Ameise. Mein Hirn macht einen großen Spagat. Die eine Hälfte sucht nach Obertönen im Celloklang, die andere schüttet spontane Ameisenassoziationen aus. Da ist zum Beispiel die Geschichte meiner Freundin Marion, der in der Küche ihres genial-chaotischen Freundes zufällig die Gardinenstange in den Blick geriet. Die hatte am rechten Ende eine Art schwarzes Ei, das ihr komisch vorkam. Beim näheren Hinsehen entpuppte es sich als eine Traube Flugameisen, deren Verwandte zwischen jeder Buchseite des Haushalts ein zu Hause gefunden hatten.

Höre abrupt auf zu spielen und hocke mich vor die Ameise. Kann sie fliegen? Stupse sie leicht mit dem Bogen an. Sie krabbelt schneller und schlägt Haken, aber abheben tut sie nicht. Gottseidank. In meinen Stunden mit Piatti ist sie vielleicht mein einziger Freund. Oder Freundin? Wie erkennt man das Geschlecht von Ameisen?
Piatti wird mir jetzt doch zu trocken. Stelle die Quartettstimme für die Uraufführung in einer Woche auf den Notenständer. Die muss ich noch einrichten, irgendwann muss ich es ja tun. Betrachte angestrengt das Notenbild — bei jedem zweiten Takt muss ich in der Legende nachschauen, was genau mit der Spielanweisung gemeint ist. Eigentlich würde ich die Stimme lieber der neuen Galerie um die Ecke stiften. Dort würde man in Ruhe ihre Gestaltung bewundern, anstatt sich mit der praktischen Bedeutung herumzuschlagen.

Suche einen Bleistift. Finde in meinem Cellokasten einen Proteinriegel, einen Hoteldämpfer, ein Handykabel und eine Nagelfeile. Dann einen Bleistift, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem gerecht, dass ich ihn habe – ich verliere meinen immer sofort, was heißt, dass ihn in diesem Moment vermutlich auch jemand findet, der ihn noch nie gesehen hat. Mache mich daran, die Stimme in einen lesbaren Notentext umzuschreiben.
Zwanzig Minuten später. Gilt das jetzt als Üben, das graphische Beschäftigen mit dem Notentext? Jedenfalls war ich dabei voll konzentriert und nicht gedanklich gespalten. Vielleicht sollte ich diesen Gemütszustand sofort auf die Piatti-Caprice übertragen. Beginne wieder in As-Dur. Sobald der erste Ton erklingt, ist mein Kopf vollkommen leer. Vielleicht ist das diese Leere, auf die Buddhisten immer so schwören? Manche Menschen bezahlen teure Seminare, um aus einsamer Aussichtslosigkeit Inspiration zu schöpfen.

Zwanzig Minuten später.
Schluss mit dem Selbstmitleid! Vielleicht hilft ein eher kreativer Ansatz. Beschließe, eine Tarot-Karte zu ziehen und zu der gezogenen Karte zu improvisieren. Ziehe den Narr.
„Der Zustand vor Anbeginn“ steht dazu in meinem Tarotbuch. „Das Paradox, dass Nichts etwas ist.“
Packe das Cello jetzt entschlossen in den Kasten zurück.

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