LESEPROBE ZUM ROMAN „SEPTAKKORD“

JULIA

1

Es hätte schlimmer kommen können, allerdings nicht viel.

Ich sitze an einem Bahnhof im Gebirge irgendwo in Österreich, mit Cello und Gepäck, und soll abgeholt werden. Nichts passiert. Geld habe ich keins mehr, vielleicht noch ein paar Euromünzen in meiner Handtasche. Eigentlich macht das nichts, denn auf dem Festival gibt es die Gage in bar und gekocht wird dort auch für uns. Meine Finanzplanung hat mich in diesem Fall sogar mit Stolz erfüllt, immerhin hat das Geld genau gereicht, um bis hierher zu kommen: an den Bahnhof, wo der Manager des Festivals versprochen hat, mich abzuholen. Er sagte noch vor etwa 20 Minuten, er sei sofort da.

Ich rufe ihn noch einmal an. „Kann es sein, dass wir uns verpasst haben?“, frage ich und versuche, meine Ungeduld zu verbergen.

„Wie bitte?“ Er klingt sehr höflich. „Ich stehe hier vor dem Ausgang, wo bist du denn? Ich sehe niemanden mit einem Cello.“

Verstehe ich nicht. Der Bahnhof ist menschenleer, ich bin die einzige Person weit und breit, erst recht mit Cello. Auf dem Weg hier herauf konnte ich ein paar stillgelegte Skilifte sehen und Schafherden beim Grasen beobachten. Ich hatte mir bereits Sorgen gemacht, ob in dieser Einöde überhaupt Publikum für ein Sommerfestival vorhanden sei.

„Hier ist aber keiner außer mir“, sage ich und laufe einige Schritte in Richtung der menschenleeren Bergstraße. „Ich warte seit zwanzig Minuten, in der Zeit ist niemand hier vorbeigekommen!“

„Aha. Wie siehst du denn aus?“

„Naja… braune Haare, rotes Kleid“, beschreibe ich zögernd.

Wie soll ich mich selbst beschreiben, ohne auf alle Mängel im Detail einzugehen?! Nicht groß genug, aber auch nicht wirklich klein, im Grunde rundlich aber Gott sei Dank mit einigermaßen gut verteilten Kurven, im Moment schlanker als normalerweise, aber das geht leider immer wieder vorbei, im Haar das falsche Haargummi, womit der Zopf immer eine Beule bekommt, die mir nicht gefällt. Ich trage mein rotes Lieblingskleid mit an entscheidender Stelle kaputtem Reißverschluss, weshalb ich mich trotz der Hitze nicht traue, die viel zu warme Strickjacke auszuziehen; und ja, die pinken Schuhe dazu trage ich aus Überzeugung, ich kombiniere gern extreme Farben.

„Beschreib doch bitte mal den Ort, an dem du stehst“, sagt der Manager jetzt, „vor mir ist zum Beispiel eine Sparkasse.“

„Vor mir auch! Links geht es zur Seilbahn und rechts zum Campingplatz.“

Stille.

„Seilbahn? Campingplatz?! Könntest du mir erklären, wie du dorthin gekommen bist, wo auch immer das sein soll?“ Er hat sehr langsam gesprochen, wie ein Richter mit einem wichtigen Kronzeugen. Alles hängt von der nächsten Antwort ab.

Ich werfe einen Blick auf den kleinen, friedlich und verlassen in die Berglandschaft eingebetteten Bahnhof. „Mit der einzigen Möglichkeit, wie man hier herauf kommt – mit der Zillertalbahn!“

Wieder Stille, ziemlich lang diesmal.

Ich höre ein unterdrücktes Prusten. „Das ist jetzt nicht wahr… nicht dein Ernst. Zillertalbahn…“ Jetzt lacht er hemmungslos. „Großartig! Ich würde mal sagen: falsches Land.“

Jetzt ist die Stille auf meiner Seite der Leitung. Falsches Land.

Aschau klingt meiner Meinung nach ziemlich österreichisch. Ich erinnere mich auch noch an den netten Mitarbeiter der Bahn, der mir die Fahrkarte verkauft hat: „Aha, nach Aschau möchten Sie reisen. Im Zillertal?“ Ich hatte da einfach ja gesagt und es mehr für eine indirekte Erklärung gehalten, die Männer gerne mal machen. Aschau liegt also im Zillertal, vielen Dank, wollte ich gar nicht wissen, hatte ich wahrscheinlich gedacht, allerdings eher unbewusst.

Zugegebenermaßen wird mein Orientierungssinn von niemandem in meiner Umgebung besonders geschätzt – es gibt Leute, die fahren automatisch nach links, wenn ich den Eindruck äußere, es ginge vermutlich nach rechts. Sie sind mit dieser Taktik ziemlich erfolgreich. Aber falsches Land?! Das ist ein niederschmetternder neuer Rekord.

Immerhin habe ich meine geographischen Kenntnisse heute extrem erweitert. Es gibt, wie ich jetzt weiß, im deutschsprachigen Raum insgesamt vier verschiedene Orte, die sich Aschau nennen. Das bei München am Chiemsee wäre meins gewesen. Es hätte auch geholfen, wenn mir jemand die genaue Adresse des Festivals vorher mitgeteilt hätte, aber die Einladung kommt nicht direkt vom Festivalmanagement, sondern über einen Freund aus Berlin, dessen schwangere Freundin nicht mitmachen kann – ich bin der händeringend in letzter Minute gefundene Ersatz. Einige Informationen sind in der Eile eben auf der Strecke geblieben.

Dass Aschau 1 von Aschau 2 etwa fünf Stunden entfernt liegt und ich deshalb den ersten Probentag fast vollständig versäumen werde, ist ärgerlich. Viel schwieriger aber ist die Tatsache, dass ich keinen Cent Geld in der Tasche habe und sich auf meinem Konto auch keins mehr befindet. Obwohl ich sicher bin, dass sich dafür eine Lösung finden lässt, fällt mir im Moment keine ein.

Ich beziehe erstmal Stellung auf dem Bahnsteig und warte auf die Zillertalbahn bergab, als meine Mutter anruft.

„Du ahnst nicht, was passiert ist“, sage ich und stelle mir sofort ihr skeptisches Gesicht vor, das sie immer macht, wenn ich ihr etwas erzählen will.

„Oh nein, Julia! Ist was durcheinander geraten…?“, fragt sie gedehnt.

Ich schildere ihr die Situation und meine Mutter ist wie immer wenig verständnisvoll. Sie sieht in mir das falsche Material vererbt: Mein italienischer Vater, der sie mit seinem Chaos in den Wahnsinn trieb, hat sich trotz Scheidung auf unlautere Weise in ihrem Leben verewigt.

„Wie kann so etwas passieren, wieso erkundigst du dich nicht vorher, wo du spielen musst? Warum bekommst du von diesem Freund in Berlin nichts Schriftliches?! Ihr Künstler könnt euer Leben doch nicht immer nur mit Vornamen gestalten!“

Aus ihr spricht die deutsche Lehrerin, ich sehe sie vor mir, im Politikunterricht an der Tafel oder über den Hausaufgaben. Diese Situation ist ein klarer Fall für einen Klassenbucheintrag.

Ich weiß nicht, wie viele Klassenbucheinträge ich inzwischen von meiner Mutter bekommen habe, aber ich finde, sie ist dabei nicht ganz gerecht. Immerhin habe ich nach Abschluss meines Studiums erstmal versucht, die Welt zu retten, als langjährige Amnesty-Aktivistin hätte sie stolz auf mich sein müssen. Fairerweise muss ich sagen: Sie war es auch – aber mit meiner Rückkehr nach Deutschland hat sich ihr Stolz irgendwie verflüchtigt.

Drei Jahre habe ich für eine Stiftung in der Westbank gearbeitet, ich zog nach Ramallah und gab palästinensischen Kindern Musikunterricht. Nach dieser Zeit verließ ich das Land verständigungsverschlissen und desillusioniert. Alles war anders gekommen als in meiner Vorstellung: die politische Lage eskalierte in einer weiteren Gazaoffensive, unsere Organisation kämpfte mit dem lokalen Chaos und ich selbst war unentwirrbar in fruchtlose Liebesdebakel verstrickt. Die Umstände entlarvten meine Vorstellung, dass ich problemlos überall auf der Welt leben könnte, als Illusion. Statt kosmopolitischer Großzügigkeit empfand ich eine mir bis dahin unbekannte Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung.

Nie habe ich mich mit meiner Mutter besser verstanden als in unseren Telefonaten von Ramallah nach Hamburg, vor mir eine Whiskeyflasche und stapelweise schlechte Schokolade. In dieser Zeit erzählte sie mir oft vom ersten Ehejahr mit meinem Vater in Johannesburg. Meine Mutter arbeitete damals für das Büro von Amnesty, mein Vater organisierte zusammen mit afrikanischen Musikern Workshops für Kinder. Es muss ihre beste Zeit miteinander gewesen sein, sie bekommt jedes Mal eine schwärmerische Stimme, wenn sie davon spricht.

Nach drei Jahren in Ramallah musste ich mir eingestehen, dass ich haushoch gescheitert war. Der Weltfrieden war genauso weit entfernt wie vorher, obwohl ich dem angeblichen Herzchakra der Welt all meine Cellotöne für die Verständigung zur Verfügung gestellt hatte. Was im Großen immer wieder eskalierte, schlug sich in unserem Alltag nieder und wir waren machtlos dagegen: Meine begabteste Schülerin wollte nicht im großen Orchester spielen, weil dort auch Israelis mitspielten. Ob wir nicht verstehen würden, dass man so auf falscher Basis Freundschaft mit dem Feind schließe, erklärten mir die empörten Eltern. Gemeinsames Musizieren sei ein Signal für „Normalisation“ und angesichts der Besatzung nicht akzeptabel.

Der Projektleiter in Jenin lehnte die finanzielle Unterstützung von einem israelischen Musiker aus denselben Gründen ab, was vermutlich das Ende des Standorts bedeuten würde. Doch anstatt mit Überzeugungskraft Brücken zu bauen, beschämten mich die Erfahrungen der Palästinenser. Was hatte ich ihnen wirklich entgegenzusetzen? Während sie mit Intifada, Ausgangssperren und Militäraktionen zu kämpfen hatten, feierte ich meine ersten Alkoholerfahrungen auf den sorglosen Orchesterreisen meiner Schulzeit. An Willenskraft waren sie mir haushoch überlegen, allerdings auch an Sturheit. Zwei unserer palästinensischen Musiklehrer sprachen irgendwann nicht mehr miteinander, aus Gründen, die wir nicht entwirren konnten. Es war zum Verzweifeln — selbst zwischen zwei palästinensischen Parteien waren wir nicht in der Lage, Frieden zu stiften. Stattdessen entwickelte sich die Stimmung auch unter uns schleichend, aber unaufhaltsam in ein soziales Minenfeld, weil man sich in dem kleinen Ramallah nahezu nirgendwo aus dem Weg gehen konnte. Es war wie in einem großen, gemeinsamen Big Brother Container — hätten wir über diese Zeit eine Daily Soap gedreht, wären wir bestimmt alle steinreich nach Hause zurückgekehrt.

Als der Pianist, für den ich mich hatte umbringen wollen, anfing, mit meiner belgischen Kollegin zu schlafen, flüchtete ich zurück nach Berlin. Dort begann ich ein freiberufliches Vagabunden-Leben, aber irgendetwas daran war nicht so leichtfüßig, wie es hätte sein sollen. Erst habe ich es nicht so sehr bemerkt, zu erleichtert war ich, wieder im Minirock im Café sitzen und unbehelligt mit den Kellnern flirten zu können. Aber die Sehnsucht nach einer großen Idee kam schnell zurück. Plötzlich waren meine Erinnerungen an Ramallah romantisch: Die neugierigen Augen meiner Schüler, wenn sie zum ersten Mal ein Cello auspackten. Ein zum Klavierstimmer umgeschulter Automechaniker, der sich beim Stimmen in den Tasten verzählte und einen unspielbaren Flügel hinterließ. Die Barbecue-Abende im blutroten Sonnenuntergang, gefolgt von nächtelangen Diskussionen über Freiheit und Gerechtigkeit. Ist das Angebot westlicher Musik in Palästina eine Form von Imperialismus? Was ist dann ehrliche Entwicklungshilfe? Unsere Gespräche waren voller Streitlust und Tatendrang. Im Chaos der Unmöglichkeiten, zwischen ständigen Streiks, geschlossenen Checkpoints und abgelehnten Passierscheinen gab es Kreativität. Jeder neue Tag war eine Überraschung, so viele Gedanken habe ich dort zum ersten Mal gedacht.

Während der Konflikt auch nach meinem Aufenthalt weiter auf seinen absurden Bahnen kreiste, hatte die Zeit in Ramallah zumindest in mir eine Veränderung bewirkt: Ich fühlte einen unüberwindbaren Abstand zu meinen Studienfreunden, die an der Etablierung ihres Lebens bastelten. Sie erspielten sich Stellen in Orchestern, Hochzeitseinladungen und Babyfotos fluteten meinen Briefkasten und ließen mich seltsam teilnahmslos daneben stehen.

Seit Ramallah lebe ich irgendwie halbherzig – ich habe keine Sicherheiten, aber auch kein Herzensprojekt. Mein Liebesleben erinnert ein bisschen an einen stillgelegten Vergnügungspark: überall sieht man noch die Zuckerwatte-Stände, Kettenkarussels, das Riesenrad und diese Steilwände, wo sich eine Art Fahrstuhl mit laut kreischenden Mädels in den Abgrund stürzt. Im Grunde pflege ich das Erbe meiner Mutter: Ich engagiere mich so gut es geht gegen das Unrecht in der Welt und verliebe mich währenddessen in unzuverlässige Männer. Sie würde es nicht gern hören, aber das Kamikaze-Gen in Beziehungen habe ich eindeutig von ihr. Mein Vater hat ihr mehr als einmal stilvoll das Herz gebrochen, bevor sie sich ein letztes Mal von ihm trennte.

Nur beruflich sind wir grundverschieden: Während sie sich seit Jahren an ihrem Gymnasium langweilt, verläuft mein Leben spontan und ungeplant. Ich werde nächstes Jahr vierunddreißig und reise von Auftritt zu Auftritt in alle möglichen Länder, sogar die falschen.

Während ich die Vorwürfe meiner Mutter geübt überhöre, bemerke ich den sonnengebräunten Mann mit Treckingrucksack auf dem Bahnsteig. Er ist während des Gesprächs aufgetaucht, geht jetzt auf und ab und wirkt extrem amüsiert. Irgendwann wird mir klar, dass er sich über mein Telefonat lustig macht – man kann ihm noch nicht mal vorsätzliche Neugier unterstellen, denn auf dem Bahnhof hört man außer mir nur noch vereinzelte Vogelstimmen und einen Gebirgsbach in der Ferne.

Als ich aufgelegt habe, kommt er auf mich zu.

„Entschuldige, aber ich musste einfach zuhören“, sagt er und mustert mich und mein Cello von oben bis unten. „Du bist also im falschen Land ohne Geld.“

Ich kann nur nicken. So ist es.

Er schüttelt lachend den Kopf. „Ich lade dich auf die Fahrkarte ins richtige Aschau ein!“, bietet er an und wendet sich auch schon Richtung Fahrkartenautomat. „Dafür darf ich die Geschichte aber auch überall erzählen!“

Im richtigen Aschau angekommen, erwartet mich das Produktionsteam mit ausgelassener Heiterkeit. Wie es im falschen Aschau sei, wollen sie wissen, und der Dirigent meint, wir hätten alle Glück, dass es kein Aschau in den USA gäbe. Sehr lustig.

Unser Projekt ist eine elektronische Oper, ein Werk aus den sechziger Jahren, das bisher unaufgeführt geblieben ist. Jetzt haben sich unerwartet Sponsoren gefunden, die der Komposition auf die Bühne helfen wollen, das Festival am Bodensee hat nämlich seit dieser Saison einen neuen künstlerischen Leiter, der mit der Tochter des Komponisten liiert ist. Durch diese unschuldige Verbindung eröffnen sich ganz neue Perspektiven für alle Beteiligten.

Wir proben in Aschau, einer der Hauptsponsoren hat seinen Landsitz mit zur Bühne umgebauten Kuhstall zur Verfügung gestellt. Die Besetzung besteht aus einem elektronisch verstärkten Streichquartett, Keyboard und einigen Sängern, dazu kommen Videoinstallationen und Geräusche vom Band. Eigentlich sind für die Koordination zwei Tonmeister vorgesehen, wofür aber das Festivalbudget nicht gereicht hat. Deshalb gibt es nur einen, der zwischen allen Aufgaben restlos überfordert hin und her hetzt.

Unser Verhängnis ist außerdem die selbst gebaute Bühne, die auf einem Sockel balanciert und nur durch Koordination der Sänger gerade schweben kann. Das macht sie leider so gut wie nie, die Sänger fallen stattdessen immer wieder von ihr herunter. Es werden Extraproben für das Bühnenschweben angesetzt.

Bei der Musik handelt es sich um „minimal music“: Einzelne Motive wiederholen sich permanent, mit nur geringfügigen Änderungen, was eine Art psychedelische Atmosphäre erzeugt. Als Spieler verfällt man dabei mit der Zeit in sanft-abwesende Apathie. Dazu kommt, dass wir bei völliger Dunkelheit proben müssen, sonst wären die Videoinstallationen nicht sichtbar. Trotz des schönen Sommerwetters am Chiemsee fühlen wir uns wie im finnischen Winter.

Am Abend des letzten Probentages klingelt mein Telefon, als wir draußen den Sternenhimmel betrachten und die seltene Stille genießen. Es ist Kati, meine Nachbarin aus Berlin. Seit Jahren wohnen wir schon nebeneinander und haben uns mittlerweile angefreundet. Kati hat eine fünfzehnjährige Tochter, die allerdings vor Kurzem zu ihrem Vater nach Tel Aviv gezogen ist. Vermutlich versucht sie mit dieser Aktion, etwas Ähnliches wie eine Pubertät zu erleben – an Katis Seite ist es schwer, gegen irgendetwas zu rebellieren, sie hat durch ihren eigenen Lebenslauf die Messlatte sehr hoch gelegt.

Mit sechzehn wurde sie auf der Straße von einem Fotografen entdeckt, schmiss die Schule und fing an zu modeln. Das Geld von einer Woche Modenschau-Laufen reichte immer für drei Wochen im Marihuana-Rausch auf Bali – in diesem 1:3 Rhythmus verbrachte Kati einige Jahre, bis sie Guy kennenlernte. Sie heiratete und ging mit ihm nach Israel, wo die beiden zusammen ein Strandrestaurant betrieben und ihre Tochter Shira zur Welt kam. Ich habe vergessen, wer wen in welcher Reihenfolge beim Fremdgehen erwischt hat, auf jeden Fall packte Kati irgendwann ihre Sachen, ließ sich scheiden und zog mit ihrer Tochter zurück nach Deutschland. Viele Jahre jonglierte sie als alleinerziehende Mutter Job-, Finanz- und Beziehungskrisen in der Luft, machte Abitur auf der Abendschule und verbrachte ihre Freizeit mit Öko-Aktivisten.

Zu Kati gehört auch die Golden-Retriever-Hündin Abby, auf die ich mal einen Tag aufgepasst habe. Seitdem werde ich nicht mehr gefragt. Abby ging eindeutig mit mir spazieren und nicht umgekehrt, am Ende unseres Ausflugs entwand sie sich mit einer eleganten Bewegung dem Halsband und verschwand. Es folgten qualvolle Stunden, in denen ich die Besitzer jedes Dönerladens im Umkreis von fünf Kilometern kennenlernte.

Abby brachte Kati und mich vor Jahren an irgendeinem Nachmittag im Innenhof zusammen. Sie kam schwanzwedelnd auf mich zu und wirkte verspielt und freundlich, knurrte aber gleichzeitig die ganze Zeit. Verunsichert über die Signalmischung blickte ich zu Kati, die kurz darauf schwungvoll um die Ecke bog. Sie trug eine seltsame Kombination aus indischem Sari, Cowboy-Stilettos und Sophia-Loren-Brille im Haar.

„Die macht nichts!“, rief sie mir von der Treppe aus zu und strahlte mich an.

„Abby ist mit Katzen aufgewachsen, deshalb versucht sie zu schnurren. Wenn sie dich etwas besser kennt, streicht sie dir dabei auch um die Beine. Ist alles lieb gemeint!“

Abby gleicht in dieser Hinsicht ihrer Besitzerin: auch bei Kati ist das meiste lieb gemeint und wird, besonders von Männern, gerne missverstanden. Ich bin chronologische Zeugin ihrer Bekanntschaften und finde es bis heute erstaunlich, wie sie es schafft, die einzigen Männer aus dem Internet zu fischen, die attraktiv, romantisch und ehrlich bindungswillig sind. Trotzdem gehen sie Kati ziemlich bald auf die Nerven und werden dann kompromisslos wieder ausgetauscht. Vorangehend ist meist ein kreativer Liebesbeweis, um den sie die meisten Frauen glühend beneiden würden: Der letzte schickte ihr einen Stein in Herzform von irgendeiner Küste, ein anderer stellte liebevoll eine Rezeptsammlung für sie zusammen. Auch Gedichte über Kati habe ich schon gelesen. Es nützt ihnen alles nichts: Spätestens nach drei Monaten zieht es Kati weiter auf der Suche nach etwas, das sie selbst nicht versteht.

Mit den meisten Freundinnen ende ich irgendwann bei Rotwein, Tränen und mühsamer Analyse eines sperrigen männlichen Charakters. Nicht so mit Kati.

Manchmal sehe ich durch mein Küchenfenster, wie sie zur Mülltonne schreitet, in achtlos zusammengestellter Garderobe und wiegendem Gang. Egal unter welchen Umständen man sie antrifft, sie ist immer beneidenswert mühelos schön.

Inzwischen verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Fotografie und Webdesign, ihre wirkliche Aufmerksamkeit aber gilt der Rettung unseres Planeten – vor allem der Tiere, die auf ihm leben. Erst kürzlich nahm sie eine verletzte Taube bei sich auf, wochenlang widmete sie ihr all ihre Liebe samt sorgfältig ausgewählter Bionahrung. Es wurde die wohlerzogenste Taube von ganz Berlin – fast hätte sie gelernt, mit Messer und Gabel zu essen.

Allen vierpfotigen, fliegenden oder kriechenden Lebewesen ist Katis Mitgefühl sicher, sie lebt mit Haut und Haaren vegan. Seit Neuestem rettet Kati auch Lebensmittel. Sie fährt am Wochenende zu Bio- und Supermärkten, sammelt übrig gebliebenes Essen ein und verteilt es unter Freunden und Nachbarn, um es auf diese Weise vor dem Wegschmeißen zu bewahren.

„Julia, sag mal, wer ist denn das ältere Ehepaar, das gerade in deiner Wohnung wohnt?“, fragt Kati jetzt am Telefon und mir bleibt einen Augenblick die Luft weg.

„Ehepaar??“

„Sie sind heute angekommen und haben angeblich den Kellerschlüssel vergessen. Ich finde das irgendwie komisch. Was wollen die denn in deinem Keller?“

Herrje… es kann sich nur um meine Vermieter aus dem bayrischen Wald handeln. Da ich so oft unterwegs bin, hatten sie mich gefragt, ob sie während meiner Abwesenheit vielleicht ihren Berlinurlaub in meiner bzw. ihrer Wohnung machen könnten.

Überhaupt kein Problem, hatte ich gesagt – wohl wissend, dass man als unregelmäßig zahlende Mieterin wenig Möglichkeiten hat, in dieser Situation nein zu sagen.

Meine ahnungslosen, geduldigen Vermieter sind mit meinem Einzug ungefragt ins Künstlersponsoring verwickelt worden. Sie hätten es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass irgendwann eine finanzschwache Cellistin statt der Miete E-mails mit den Fotos vom letzten Engagement an sie schickt, auf dessen Gage sie immer noch wartet.

Mit der Terminabsprache für ihren Urlaub ist aber jetzt etwas schiefgelaufen, denn in ein paar Tagen bin ich schon wieder zurück in Berlin.

„Du kannst für ein paar Tage zu uns ziehen“, schlägt Kati vor, als ich ihr die Situation erkläre. „Ich habe übrigens jemand kennengelernt…“

Ach, sind schon wieder drei Monate vorbei? Hatte mich gerade an Karsten, den Bauzeichner, gewöhnt.

„Erzähl mir das, wenn ich wieder da bin“, wehre ich ab.

„Nicht im Netz. Beim Lebensmittelretten! Christian…“ Sie klingt schwärmerisch.

„Aha..?“

„Er ist Fotograf und begleitet soziale Projekte auf der ganzen Welt. Gerade macht er Fotos für das Flüchtlingsprojekt Cucula – die stellen Möbel aus dem Holz der gestrandeten Boote in Lampedusa her.“

„Kenne ich nicht …“

„Eine phantastische Idee! Die Möbel werden nach einem Modell von Enzo Mari gebaut. Dabei lernen die Flüchtlinge das Handwerk, dann werden die Möbel verkauft und vom Gewinn Ausbildungsmöglichkeiten finanziert … Wir müssen da unbedingt mal vorbeigehen.“

Katis Begeisterung ist ansteckend, so habe ich sie lange nicht erlebt. Ich beginne mich auf meine Rückkehr nach Berlin zu freuen.

Die Festivalpremiere wird ein voller Erfolg, allerdings hat in letzter Minute noch der entnervte Tonmeister gekündigt und muss durch einen neuen ersetzt werden. Das bedeutet zusätzliche Proben, natürlich unbezahlt, aber irgendwie überstehen wir das und halten bis zur Aufführung zusammen.

Tags darauf sitze ich nach der ausufernden Abschiedsparty übernächtigt im Zug nach Berlin – einer Stadt, von der ich genau weiß, in welchem Land sie liegt. Leider hat es die Gage am Ende doch nicht in bar gegeben. Irgendetwas ist dazwischengekommen, ich habe mir aber einen geheimen, individuellen Vorschuss auszahlen lassen.

Zu Hause finde ich von Kati nur einen Zettel an meiner Tür: „Bin mit Christian unterwegs, er fotografiert bei einem Cucula-Workshop.“

Ich hoffe, Kati ist bei diesem Workshop nicht aktiv am Möbelbau beteiligt. Soweit ich mich erinnern kann, ist sie schon am Zusammensetzen ihres Küchenmixers gescheitert.

Meine Vermieter haben sich in meiner Wohnung häuslich eingerichtet und sogar ein paar Dinge repariert. Ich erzähle ihnen von meinem Engagement in möglichst schillernden Farben, unterstützt durch Szenefotos auf meinem Telefon und hoffe, dass sie beeindruckt genug sind, um auf die nächste Miete eine Weile zu warten.

Vor mir liegt in den nächsten Tagen ein letzter Auftritt vor der großen Südamerikatournee, auf die ich mich seit Beginn des Jahres freue. Es ist die Vernissage im neu eröffneten Konsumtempel in Mitte.

***

Umringt von Modeketten, Lifestyle-Geschäften und einem überdimensionalen Food Department bietet das Loft ein New-York-vergleichbares Ambiente: hohe Decken, offen liegende Silberrohre und freies Mauerwerk sind Hintergrund für die ausgestellten Kunstwerke, in der Mitte des Raums steht ein Flügel. Es ist nicht irgendein Flügel, er wurde eigens für diese Vernissage präpariert, genauer gesagt, umgestimmt. Auf einen Ton. Egal, welche Taste man jetzt anschlägt, es erklingt genau derselbe Ton. Das Umarbeiten des Instruments hat ein ganzes Jahr gedauert, Unsummen verschlungen, Experten beschäftigt und ist irreversibel. Mit anderen Worten, der Flügel ist ab jetzt für normale Konzerte mit unterschiedlichen Tönen nicht mehr einsetzbar.

Elias, Urheber der Installation, steht stolz neben dem Instrument und erklärt sein Konzept gerade einer Asiatin. Sie balanciert auf durchsichtigen Plateauschuhen, trägt trotz des künstlichen Lichts eine Sonnenbrille und hat einen riesigen, müden Hund an der Leine. Ich schaue mich nach der Pianistin um, mit der ich zusammen auftreten soll. Auch ich darf nur einen einzigen Ton spielen, wobei ich vergessen habe zu fragen, ob es derselbe sein muss, den auch das Klavier spielt.

Auf einer Party hat mir unlängst ein Jurist erklärt, in Großkanzleien würden Leute arbeiten, die nur auf einen einzigen Paragraphen spezialisiert sind. Bedenkt man das Honorar, das sie dafür bekommen, scheint das kein schlechter Ansatz zu sein. Als Künstler strebt man eher nach Vielseitigkeit, was sich finanziell selten positiv auswirkt. Ich wäre bereit, jetzt umzudenken und mich auf ein Alleinstellungsmerkmal zu konzentrieren. Warum nicht auf einen Ton? Der Flügel ist auf e gestimmt, gegen den Ton habe ich im Prinzip nichts.

Die Pianistin ist jetzt da und wir beginnen mit der Sonate von Chopin. Unser Spiel orientiert sich genau an den Noten; Rhythmus, Lautstärke und Verlauf erklingen genau wie beim Original, man hört eben alles nur auf einem Ton.

Das erinnert mich an eine fiktive New Yorker Künstlerin, von der lange geglaubt wurde, dass sie tatsächlich existiert: Ihre Kunst war unsichtbar, bei den Ausstellungen sah man nichts als angeleuchtete weiße Wände. Eine Vernissage geriet besonders in die Schlagzeilen, als sie behauptet hat, ein wichtiges Exponat sei gestohlen worden.

Um uns herum hat sich eine Gruppe von Zuhörern gebildet, nach drei Stücken beenden wir den Auftritt, die Pianistin ist noch für eine weitere Stunde Hintergrundmusik gebucht.

Ich sehe mir die Exponate an, währenddessen hört man überall im Raum penetrant den Ton e; laut, leise, hoch und tief. Irgendwie passt es zur Atmosphäre, oder die Atmosphäre wird durch das e erst passend. Ratlos betrachte ich einen Plexiglaskasten mit durchgebrannten Glühbirnen, aus dem abgerissene Kabelenden herunterhängen. Es erinnert entfernt an eine überdimensionale Ostseequalle. Ein paar Schritte weiter gibt es ein Objekt aus zerbrochenem Porzellan. Die Scherben sind nach einem unsichtbaren System geordnet, das sich mir auch bei intensivem Bemühen nicht erschließen will.

„Julia, was für eine Überraschung!“

Ich drehe mich um und jemand fällt mir um den Hals. Nina! Meine beste Freundin, Lieblingskollegin und Trinkgefährtin. Nina ist Geigerin, ein Engagement während der Studienzeit hat uns zusammengebracht. Wir spielten Don Juan für einen Film ein, der zur Hälfte aus Kriegsszenen bestand, angeblich in kritischem Kontext. Nina sah das anders. In Windeseile hatte sie genügend andere angestiftet, Widerstand zu leisten; niemand würde ihr so etwas zutrauen, mit ihrer schmalen Silhouette und hellblonden Haaren vermutet man sie eher auf einer Charity-Veranstaltung oder in einem Jane-Austen-Film. Sie informierte umgehend ihre letzte Barbekanntschaft, einen Berliner Kulturredakteur; daraufhin bekam die Produktionsfirma eine Reihe unvorhergesehener Probleme. Leider rief dieser Kontakt auch den Unmut ihres hitzigen, persischen Liebhabers hervor. Er begann, ihr nachzuspionieren und aufzulauern, bis sie schließlich für eine Weile bei mir untertauchen musste. Seit dieser Zeit sind wir unzertrennlich.

Begeistert umarme ich sie und sehe hinter ihr Jannis auftauchen, ein Komponist aus Athen. Mit ihm ist sie seit einiger Zeit zusammen und nicht zusammen. Keiner weiß es genau, die beiden auch nicht, aber davon lassen wir uns bei unseren Streifzügen durch das nächtliche Berlin nicht stören.

Nina und Jannis haben auch schon Pläne für den Abend gemacht. Sie wollen ins Theater, es läuft „Psychose“ von Sarah Kane an der Schaubühne. Vorher muss ich nur noch meine großzügige Gage abholen, die es heute tatsächlich in bar gibt.

Falls es einen musikalischen Gott für die Bezahlung von Auftritten gibt, muss er im Casino seines Himmels viel Spaß damit haben – seine Entscheidungen gleichen jedenfalls dem Gewinnverlauf eines Rouletteabends. Variationen über „Happy Birthday“ bei einer Banker-Gala können die Monatskosten decken, anspruchsvolle Konzerte mit endlosen Proben haben dagegen manchmal die Gewinnspanne eines Ein-Euro-Jobs. Man sagt Musikern nach, sie hätten kein Verhältnis zum Geld. Wie sollten sie es auch entwickeln? Morgen kann das Telefon klingeln, und ich verdiene am selben Abend eine vierstellige Summe. Man kann aber auch bei einer Produktion sechs Wochen mitmachen, auf das Geld drei Monate warten und am Ende erfahren, dass der Veranstalter pleite gegangen ist. Heute ist Gott sei Dank ein positiv-absurder Tag, ich bekomme für die drei Einton-Stücke einen geradezu phantastischen Betrag. Die Scheine in meiner Jackentasche zusammengerollt, verabschiede ich mich von Elias.

„Psychose“ von Sarah Kane ist ein Schock nach der Leichtigkeit in der Galerie. Das Psychodrama entfaltet sich mit Wucht, ohne Stoßdämpfer – ein Kampf gegen innere Dämonen, Psychopharmaka und Suizid, von dem man weiß, dass ihn die Autorin kurz nach Beendigung ihres Stücks begangen hat. Bei dunkel-diffusem Licht und beklemmenden Monologen sitzen wir da, alle drei verunsichert durch die gefühlte Nähe zur Hauptfigur. Sie wirkt erschreckend normal in ihrer Psychose und hat nur allzu bekannte Gefühle. Was meint dann „verrückt“, sind wir alle verrückt, ist die Verrücktheit Teil der menschlichen Psyche, die nur darauf wartet, hervorgelockt zu werden? Was ist im Vergleich dazu normal? Nichts ist sicher, auch in uns selbst ist es unsicherer, als wir es wahrhaben wollen.

Eine gute Stunde später stehen wir im schönsten Abendrot auf dem Kurfürstendamm und machen uns auf den Weg in die gute alte Paris Bar. Schweigend sitzen wir dort bei Crémant in der lauen Sommerluft, gelegentlich wehen Gesprächsfetzen vom Nachbartisch zu uns herüber.

„…mein Mann kann jetzt einen Schwan!“, verkündet die Dame in Glitzer rechts von uns und deutet mit ihrem Löffel auf den Cappuccino-Milchschaum.

Ihre Begleitung schaut beeindruckt. „Einen Schwan…?“

„Er macht Coffee-Art-Classes! Erstmal lernt man ein Herz oder ein Blatt“, erklärt die Glitzernde. „Das ist eine Wissenschaft! Wusstest du, dass der beste Tamper aus Ebenholz ist?“

Wir werfen uns vielsagende Blicke zu, unsere Gedanken kreisen um das Erlebte im Theater. Nina liest gerade den Überlebensbericht von Victor Frankl nach drei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern und findet das den größtmöglichen Gegensatz zu Sarah Kane. Wenn das Überleben in Gefahr ist, scheint die Psyche besonders widerstandsfähig zu sein. Ich habe ähnliche Gedanken schon einmal mit einer brasilianischen Sängerin ausgetauscht; sie kam aus einem Armenviertel in Belo Horizonte und hatte eins der begehrten Stipendien für Europa bekommen. Die meisten Probleme der europäischen Studenten fand sie amüsant. Sie erzählte mir von ihrem Vater, für den es eine Sensation war, ein Auto mit Klimaanlage zu kaufen, damit die Fenster beim Fahren geschlossen bleiben konnten – ein geöffnetes Fenster lädt zu Überfällen ein, die im Glücksfall nur Geld oder Schmuck, bei Pech das gesamte Auto und manchmal sogar das Leben kosten können. In ihrem Viertel war eine Messerstecherei mit tödlichem Ausgang keine Besonderheit, in regelmäßigen Abständen wurden Menschen gekidnappt, überfallen und ausgeraubt. An Selbstmord würde niemand denken, sagte sie, im Gegenteil – jeder sei froh, am Leben zu bleiben.

„Wie geht es eigentlich Kati?“, will Nina wissen.

„Ich habe den Eindruck, sehr gut…“, sage ich.

„Wäre ist nicht langsam wieder Zeit für einen Männerwechsel?“ Nina zwinkert mir zu. „Ich finde diesen Karsten aber ganz attraktiv…“

„Den hat sie nicht mehr – er wäre also jetzt wieder frei“, lächle ich mit einem Seitenblick auf Jannis.

„Soll sich vorstellen, vielleicht können wir beide was mit ihm anfangen“, erwidert er ungerührt und gibt Nina einen Kuss.

„Katis neueste Errungenschaft ist ein Fotograf, der Projekte mit Flüchtlingen dokumentiert. Gerade recherchiert er über Cucula, sie stellen Möbel her… Habt ihr davon gehört?“, frage ich.

Jannis nickt. „Die hatten ihre Werkstatt bei mir um die Ecke, leider hat es da einen Brand gegeben… Sie suchen gerade nach einem neuen Ort. Der Designer ist ein Freund von mir. Viele Künstler werben als Botschafter für das Projekt – es gibt z.B. einen Werbefilm der Schaubühne, da sieht man Lars Eidinger auf so einem Stuhl aus Lampedusa-Holz!“

„Vielleicht können die Europäer gerade von den Flüchtlingen lernen“, überlege ich. „Sie kommen unter lebensbedrohlichen Umständen hierher, lassen alles zurück und müssen offen sein für ein völlig anderes Leben…“

„Es gibt in Berlin viele Ideen zur Integration. Wenn man in Kreuzberg wohnt, kriegt man das automatisch mit – hier im etablierten Charlottenburg natürlich weniger“, Jannis wirft mir einen provozierenden Blick zu.

„Das ist nicht wahr, Kati hat mir gerade von der Initiative ‚Über den Tellerrand gekocht‘ erzählt“, sage ich und winke dem Kellner für eine weitere Runde Crémant. „Das sind Kochkurse von Flüchtlingen mit Gerichten aus ihrer Heimat: erst wird gekocht, danach isst man zusammen und lernt sich kennen.“

Nina zieht die Augenbrauen hoch. „Das klingt interessant. Lasst uns da mal hingehen!“

„Unbedingt“, lächelt Jannis, „da gibt es bestimmt haufenweise junge Männer, die dir gefallen werden!“

Nina lehnt sich an ihn und seufzt. „Ich kann wirklich empfehlen, mit einem Mann auszugehen, der die erotische Zukunft im Auge behält!“

Jannis nimmt ihre Hand. „Ihr meint also, das Leben braucht Bedrohung, um es zu schätzen“, kommt er auf den Beginn unserer Unterhaltung zurück.

„Ja, genau – eine Beziehung wahrscheinlich auch“, lächelt Nina und entzieht ihm ihre Hand.

Ich beobachte die beiden nachdenklich. In Jannis bin ich eine Zeitlang nicht unverliebt gewesen, bevor er mit Nina zusammen- oder nicht zusammenkam. Passiert ist aber nie etwas. Ich finde zwar, es hat mindestens zwei Abende gegeben, an denen eine gewisse Brisanz zwischen uns schwelte, aber Jannis’ Meinung dazu kenne ich nicht.

Nina und ich unterscheiden vier Stadien von Liebe:

  1. nicht unverliebt
  2. ziemlich involviert
  3. Potential für die große Liebe
  4. noch nicht ausgeliebt

Der großen Liebe selbst verleihen wir maximale Aufmerksamkeit durch Nichterwähnung. Wenn man das Partygespräch sein will, soll man ja auch am besten gar nicht erst zur Party hingehen. Manchmal, sehr spät und nach sehr viel Wein, philosophieren wir dann doch über sie: über die Sehnsucht nach dieser einen schicksalhaften Begegnung, die das gesamte Leben prägt. Wir diskutieren über Sartre und Simone de Beauvoir, Maria Callas und Onassis oder Christo und Jean-Claude. Wir suchen nach dem Besonderen, einem emotionalen Erdrutsch, drunter machen wir es nicht. Dann analysieren wir wieder nächtelang unser Verheddern in „noch nicht ausgeliebt“ – ein Phänomen, das sich gerne auch zeitgleich in verschiedenen Begegnungen abspielt.

Mittlerweile hat sich der Alkohol etwas ausgebreitet und wir kommen mit dem Nebentisch links ins Gespräch. Das schwule Pärchen in maßgeschneiderten Anzügen ist wie wir im fortgeschrittenen Trinkstadium angekommen und beschäftigt sich gerade mit einem der Wandkunstwerke.

„Harry, das ist reine Provokation, das könnte ich auch!“, sagt der Dunkelhaarige, er sieht aus wie eine Reinkarnation des jungen Alain Delon. Es geht um die unmissverständlich dargestellten Geschlechtsteile einer Frau in Kreide auf Schiefer.

„Klar könntest du das! If you think you can or you think you can’t, you’re right!“, lacht der andere und streicht sich über den glattrasierten Kopf. Vielleicht würde er an Ben Kinsley erinnern, wenn man sich die überdimensionale schwarze Brille wegdenkt.

„Wer hat das gesagt?“

„Obama?“, mutmaßt Alain Delon.

„Nee. Aber nah dran… Henry Ford. Immerhin stimmte das Land.“ Ben Kingsley nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas und knallt es leer wieder auf die Tischdecke.

„I’m so clever that sometimes I don’t understand a single word of what I’m saying“, mischt sich Jannis ins Gespräch und blickt dem bebrillten Ben lauernd ins Gesicht. „Wer hat das gesagt?“

Ben wendet sich ihm zu. „Hey, du siehst gut aus“, sagt er und bekommt einen Schluckauf.

Alain klopft ihm auf den Arm. „Lass das, du siehst doch, der ist mit zwei Frauen hier…“

„Oscar Wilde“, lächelt Jannis. „Sagt mal, wo kann man jetzt noch hingehen, wisst ihr irgendwas Gutes hier in der Nähe?“

Die beiden erzählen von einer Bar in den Nebenstraßen beim Savignyplatz. Nur durch einen Klingelknopf an der Außenwand erkennbar, wird sie von einem launischen Türsteher bewacht. Die Cocktails sind Eigenkreationen und angeblich in Qualität und Geschmack unvergesslich. Wir beschließen, unser Glück zu versuchen, und sitzen wenig später in einer Art Wohnzimmer mit Tresen, fensterlos und dämmrig, aus einem alten Grammophon tönt knisternde Jazzmusik. Nina beflirtet den Barkeeper und kommt dann mit einem Cocktail in der Hand zu unserem Tisch. Was genau hinein gemixt wurde, ist ein Geheimnis. Nach nur wenigen Schlucken ist klar: Die Wirkung dieses Drinks wird mit Sicherheit nicht so bald in Vergessenheit geraten. Das Zimmer beginnt leicht zu schweben.

Nina beugt sich zu uns.

„Auf diesen Abend!“ Sie hebt das Glas und trinkt einen großen Schluck, dann reicht sie das Glas herum. „Auf die Psychose!“, trinken wir einvernehmlich, dann auf das Leben und auf den Tod. Nina schaut übermütig zu mir. „Ich will dich jetzt unbedingt küssen!“ Schon beugt sie sich zu mir und wir küssen uns tatsächlich, lange und ausgiebig, der Lippenstift verschmiert auf unseren Gesichtern, alles verschwimmt.

Nina fasst Jannis und mich an der Hand. „Jetzt ihr, ihr müsst euch auch küssen!“

Ohne zu überlegen tun wir es, und dann küssen sich Nina und Jannis, und dann versuchen wir, uns alle drei gleichzeitig zu küssen, was aber nicht geht; wir holen zwei neue Cocktails, küssen uns abwechselnd, im Hintergrund spielt Thelonious Monk, das Zimmer beginnt mit einer langsamen, unaufhaltsamen Rotation.

Ich weiß nicht mehr, ob wir selber entschieden haben, den Abend an einem anderen Ort fortzusetzen, oder ob der Barkeeper das für uns entschieden hat. Beim Rausgehen höre ich Stimmen hinter uns. „Muss Liebe schön sein“, sagt die eine, und eine andere: „Das waren doch drei, oder?“ Wir steigen zusammen in ein Taxi.

Meine nächste Erinnerung habe ich an den Moment des Aufwachens am Mittag. Ich stelle fest, dass ich offensichtlich sitzend auf meinem Sofa eingeschlafen bin, Jacke und Schuhe von gestern trage ich noch. Es ist mir vollkommen entfallen, wie ich aus dem Taxi in meine Wohnung gelangt bin. Alles nach dem Verlassen der Bar ist mir entfallen.

Das Telefonklingeln in meiner Handtasche durchdringt meinen Koma-ähnlichen Zustand, Nina will wissen, ob ich gestern gut in meiner Wohnung gelandet bin.

Das Gespräch mit ihr ist fast ein bisschen verliebt. Wir lassen uns sanft und wehmütig zusammen in den Tag gleiten, in einen weiteren Tag auf der Suche nach Freiheit, Sinn in der Musik und Geld für die Miete. Niemand versteht uns, aber das ist uns egal. Soll die Welt doch weiter strampeln.

Ein paar Stunden später, auf der Suche nach Kopfschmerztabletten, fällt mir eine alte Postkarte in die Hände. Auf einem wehenden weißen Vorhang vor nächtlicher Kulisse ist ein japanisches Haiku-Gedicht abgedruckt. Während ich noch überlege, von wem ich diese Postkarte habe, bin ich für einen Moment wieder in der Bar von gestern, schwebend und küssend.

Komm, lass uns gehen
Schnee schauen, Sake trinken
Taumeln wie Flocken
-Basho-


SARAH, LONDON

1

Es ist typisch für sie.

Irgendwie ist es passiert, und jetzt sollen alle helfen. Was heißt alle, ich soll helfen. Vor mir am Küchentisch sitzt Rachel, ihre Hand umfasst eine Zigarettenschachtel, mit der sie nervös auf den Tisch klopft. Die Stille zwischen uns wiegt so schwer wie vierunddreißig Jahre Schwesternschaft.

„Es kann nicht dein Ernst sein.“

Rachel verzieht den Mund. „Wenn es nach mir ginge, wäre es ein schlechter Scherz“, sagt sie und wirft die Zigarettenschachtel mit einem wütenden Schwung gegen die Wand. „Verdammt, ich will rauchen!“

„Wie ist es passiert?“, frage ich und ihr Blick trifft mich mit Verachtung.

„Ich erinnere mich nicht genau! Wir waren alle vollkommen high… eigentlich wollte ich auf dieser Party mit ihm Schluss machen!“

„Dafür hast du ja jetzt die besten Voraussetzungen geschaffen“, höre ich mich sagen und spüre die Spannung in meinem Magen wie eine Krake, die sich mit all ihren Tentakeln an der Wand festsaugt. Ich kann es nicht fassen. Es würde alles für mich sein und ihr bedeutet es nichts, rein gar nichts.

Rachels Gesicht nimmt einen trotzigen Ausdruck an. „Ich will das Kind nicht und werde es ihm nicht sagen! Das Ganze ist eine Katastrophe für mein Leben!“ Ihre Stimme bricht. „Ausgerechnet jetzt… Die Dreharbeiten fangen in sechs Monaten an… Bis dahin kann jeder sehen, dass ich schwanger bin! Aber ich werde diese Rolle nicht opfern – nicht für ihn, das mit uns hatte nie eine Zukunft!“

Als wenn je etwas Zukunft gehabt hätte in ihrem Mikadostapel angehäufter Beziehungen. Was heißt Beziehungen, Bagatellen trifft es besser. Wie komme ich auf Bagatellen? Ach ja, Alem übt gerade welche von Ari, eigens für ihn komponiert. Für mich wurde noch nichts komponiert, aber ich bin auch nur die Ehefrau eines bekannten Künstlers, immerhin wird denen in Preisreden immer für das Lebenswerk gedankt… natürlich nicht für ihr eigenes, sondern für die Unterstützung des Lebenswerks ihres Mannes. Da muss ich wohl noch eine Weile warten.

Rachel hebt die Zigarettenpackung auf, zündet sich mit fahrigen Fingern eine an und blickt dabei zu Boden. Ich stemme mich gegen den Impuls, ihr die Zigarette aus der Hand zu schlagen. Als sie mich wieder ansieht, läuft eine Träne über ihr Gesicht. „Ich brauche Geld, Sarah“, sagt sie leise. „Ich kann nicht zu Papa gehen, das weißt du…Er darf es nie erfahren… und Maman erst recht nicht.“

Natürlich nicht. Es gibt Dinge, da spiele ich eindeutig die Hauptrolle in unserer Familie. Wenn es um Stillschweigen, Verständnis oder Geduld geht – habe ich alles, im Grunde sogar gern. Jeder verlässt sich auf mich. Eigentlich ein schönes Gefühl…

Vor mir sitzt meine weinende kleine Schwester, sinnlich und verloren, mit ihren vollen Lippen und Kurven. Aus diesen Kurven ist mittlerweile mindestens die Hälfte der männlichen Bevölkerung aus Muswell Hill geflogen. Kurvig wäre auch eine passende Umschreibung ihres Lebenswandels und ihrer Karriere als Schauspielerin.

Manchmal sehe ich Bilder vor mir, Rachel und mich in Sommerkleidern und Zöpfen, Hand in Hand bei Mamans Geigenvorspielen oder bei den Empfängen in Papas Hotel, als wir uns zum ersten Mal schminken durften.

Bei der Einweihung des Hotels war Rachel gerade dreizehn geworden, sie machte an dem Tag ein großes Geheimnis um ihr Outfit. Stundenlang tauchte sie nicht auf, Maman begann sich ernsthaft zu sorgen, bis eine Dame sie ansprach, ob es möglich sei, Nicola Benedetti zu einem kleinen Auftritt zu überreden. Maman sah aus den Augenwinkeln neben der Champagnerbar eine Frau in ihrem Konzertkleid samt Pelzstola. Rachel hatte dazu eine riesige Sonnenbrille und einen Hut kombiniert, sie lächelte strahlend nach allen Seiten und schien Glückwünsche entgegenzunehmen – vermutlich für den von Nicola Benedetti zu der Zeit errungenen Classical Brit Award. Die Ähnlichkeit war ebenso verblüffend wie die Idee ihrer Verkleidung, ganz offensichtlich war ihr Mamans tagelange Schwärmerei über die Geigerin zu weit gegangen.

Auch mich verletzte damals Mamans Schwärmen, aber ich hatte mich schon damit abgefunden – meine gesamte Kindheit bestand aus Geigenwettbewerben und deren Siegerinnen. Jedes Mal aufs Neue gewann eine Andere ihre Aufmerksamkeit und bekam diesen bewundernden Blick, nach dem ich mich vergeblich sehnte. Vielleicht habe ich mich deshalb den Zahlen verschrieben; Zahlen und Fakten statt Klänge und Gefühle.

So vieles ist seitdem passiert: mein Business-Studium in London, Rachel ging nach New York, meine Jahre im George V Hotel in Paris und Damien, meine erste große Liebe, oder was ich damals dafür hielt. Mein Einstieg in Papas Hotel fiel mit Rachels umjubelten Debut als Ophelia im National Theater zusammen. Sie begann eine Affäre mit dem Intendanten, dessen Frau ziemlich schnell dahinterkam und dafür sorgte, dass es dort ihr einziger Auftritt blieb. Wenig später gelang ihr der erste große Kinoerfolg. Auf eine glänzende Phase des Ruhms folgten eine Reihe gescheiterter Filmprojekte. Liebesdramen, Parties und Drogen wechselten sich ab mit Phasen der Selbstfindung und Askese. Wie oft habe ich ihr Geld geliehen und es nie zurückbekommen, Maman und Papa nichts gesagt und versucht, sie zu verstehen.

Diese Unbekümmertheit, mit der sie sich jetzt an mich wendet! Fahrlässigkeit ist mein freundlichstes Urteil, viel tiefer geht mein Groll. Hier sitzt meine Schwester und ist schwanger, absichtslos und ungewollt, und kommt mit dem Plan abzutreiben zu mir. Zu mir! Wo ich seit Jahren versuche, ein Kind zu bekommen und Alem davon zu begeistern. Ich muss fairerweise zugeben, dass er nicht dagegen ist – er sagt immer, er würde sich unglaublich für mich freuen, wenn es klappt. Ich finde, das klingt ein bisschen so, als ginge es ihn nichts an, aber Maman meint, in dem Punkt wäre ich überempfindlich. Das ist grundsätzlich ihre Ansicht, wenn es ihr mit mir zu schwierig wird.

Ich versuche, mich wieder auf Rachel und ihre Sorgen zu konzentrieren, aber der Stachel bleibt. Für sie bedeutet ein Kind unlösbare Probleme, für uns dagegen wäre es die Erfüllung. Alem hätte endlich einen Grund, mit dem Reisen aufzuhören und wir würden für unser Kind ein zu Hause sein, gemeinsam unersetzlich. Im Moment muss ich mich noch mit den Hotelgästen zufriedengeben, denen ich im Hemingway ein vorübergehendes zu Hause erschaffe, oder besser gesagt, die perfekte Illusion davon. Aber ich will nicht für den Rest meines Lebens Preise für die beste Kulisse bekommen, ich will ein selbst gemachtes, eigenes Nest ganz für uns allein.

„Du musst mit Adam reden“, sage ich und weiß genau, dass sie es nicht tun wird.

„Nein“, sagt sie sofort und bläst den Rauch mit einem energischen Stoß in die Luft, „auf gar keinen Fall. Er wird sich einmischen, mich überreden… Ich kann das jetzt nicht ertragen!“ Sie kramt in ihrer Handtasche nach einem Spiegel und kontrolliert ihr Make-up.

„Sarah, bitte“, sie greift nach meiner Hand und ich zucke zurück. „Du musst mir das Geld doch nur leihen. Sobald ich den Film abgedreht habe, kann ich es dir zurückzahlen!“

In diesem Moment hören wir ein Schlüsselgeräusch an der Tür, Alem kommt vom Sport nach Hause. Seine schwarzen Locken tauchen auf, als er den Kopf zur Tür hereinsteckt, die Haare noch nass von der Dusche, wie immer hat er keine Geduld gehabt, sie zu trocknen.

„Hallo zusammen, ich will nicht stören“, sagt er, zwinkert Rachel kurz zu und macht ein Siegeszeichen in meine Richtung. „Doppeltes Tabata-Training geschafft!“

„Du bist ein Held“, sage ich, schaue hinter seinem Rücken zu Rachel und verdrehe die Augen. Wenigstens gegen sich selbst muss Alem einmal am Tag gewinnen, sonst ist er nicht zufrieden. Er geht zum Kühlschrank und schaut suchend hinein. „Was ist das denn?!“, fragt er angeekelt und hält ein Einmachglas in die Luft.

„Rote-Beete-Gelee aus hochwertiger Gelatine von grasgefütterten Rindern. Wir müssen mehr Collagen essen!“

Rachel schüttelt den Kopf. „Wann machst du so was immer? Schläfst du auch mal?“

Alem wühlt polternd im Kühlschrank.

„Birne-Rosmarin, Granatapfel-Fenchel…“ Er kommt mit dem Kopf wieder heraus. „Gibt es auch irgendwo eine normale Cola?“

„Die liegt weiter unten, lass meine Säfte in Ruhe!“, rufe ich. „Ich mache ab morgen eine Detox-Kur, da sind sie mein einziger Lichtblick.“

Rachel schüttelt den Kopf. „Jetzt geht das wieder los. Du bist doch eher zu dünn als zu dick“, sagt sie und mustert mich von oben bis unten.

„Ich halte mein Gewicht seit ich 16 bin, und das soll auch so bleiben“, sage ich entschlossen. „Alem, es gibt noch Blumenkohlpürree, wenn du magst, ich kann dir auch später Hähnchenfilets dazu braten.“

„Du mit deinem Paleo-Tick“, Rachel lacht. „Ein Wunder, dass im Hemingway überhaupt noch Brot erlaubt ist.“

„Es gibt jedenfalls endlich einen Paleo-Tisch am Frühstücksbuffet! Dir würde es übrigens auch gut tun, dich so zu ernähren, besonders jetzt!“ Ich werfe ihr einen bedeutsamen Blick zu und Rachel schüttelt unmerklich den Kopf.

Alem lässt am Kühlschrank einen Haufen Eiswürfel in sein Glas purzeln.

„Colin kommt gleich zum Proben“, sagt er. „Es wird sicher spät, wir haben nur noch zwei Tage bis zum Konzert. Ich muss üben!“ Er geht an uns vorbei zur Tür hinaus.

Rachel wirft Feuerzeug und Zigarettenschachtel in ihre Handtasche und steht auf.

„Sag ihm nichts, bitte!“ Sie wirft mir einen flehenden Blick zu. „Zu niemandem ein Wort! Du bist die einzige, mit der ich darüber reden kann, Schwesterherz.“

Sie schlingt sich ihre Wollstola um die Schultern, bleibt in der Bewegung irgendwie hängen und schaut ins Leere. Beim Zuschauen bekomme ich dieses vertraute Gefühl, für das ich sie gleichzeitig hasse und liebe: Irgendwie verbreitet sich in der Küche eine Atmosphäre wie in einem tragischen Schwarzweißfilm, plötzlich sind wir auch ein bisschen in einer verrauchten Bar oder an einem verlassenen Flugterminal. Das hat Rachel mit Alem gemeinsam, man fühlt ihre Anwesenheit so intensiv, dass man alles andere darüber vergisst, vor allem sich selbst. Vielleicht hätte sie ihn heiraten sollen, er würde ihren Plänen bestimmt nicht im Wege stehen.

Ich höre, wie Alem sein Instrument stimmt. Die Geige hat er erst seit kurzer Zeit, eine Guarneri – mit ihrem Klang ist er aber noch nicht zufrieden, weswegen er andauernd zum Geigenbauer rennt; ich vermute, wegen dieser attraktiven Praktikantin. Die Geige klingt eigentlich genauso wie am Anfang.

Alem beginnt ein Stück zu üben, das ich nicht leiden kann. Ich mache die Tür zu und setze mich mit meinem Laptop auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Vorbereitungen für das Boardmeeting der Jewelers Insurance machen mich nervös, es sind Freunde von Onkel Simon. Geschäftspartner von Papas Familie dürfen das Hotel nur mit den besten Eindrücken verlassen. Für den Anlass hat er extra ein paar neue Zigarren einfliegen lassen und freut sich wie ein Kind darauf, sie zu probieren.

Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie Mrs. Epstein von gegenüber versucht, ihren neuen Pudel zu erziehen. Ganz West Hampstead kennt ihn inzwischen, weiß und dämlich, weil er sich immer wieder verläuft. Vielleicht will er aber auch einfach nicht nach Hause. So wie Alem. Er verläuft sich zwar nicht, aber er ist trotzdem nie hier, sondern immer in irgendeinem Konzertsaal dieser Welt. Überall ist es schöner als bei mir.

Wütend konzentriere ich mich wieder auf die Listen der Gala. Selbstmitleid ist in unserer Familie verboten, wir haben kein Recht darauf, schließlich haben Grand-mère und Grand-père den Holocaust überlebt. Was ist dagegen schon ein bisschen Einsamkeit.

Das Telefon klingelt, es ist Maman.

„Sarah, Liebes, wie geht es dir“, will sie wissen und mir fällt sofort ein, warum sie anruft. Die jährliche Abschlussveranstaltung ihrer Junior-Geigenklasse an der Royal Academy steht vor der Tür und wie immer wünscht sie sich, dass Alem als besonderer Gast dabei ist, etwas vorspielt und Fragen zu seinem Leben als Solist beantwortet. Ob sie sich dabei wünscht, dass er Werbung macht, damit die vielversprechenden Schüler mehr üben, oder das Musikbusiness abschreckend darstellt, um die Schlechteren zum Aufgeben zu bewegen, wissen wir nicht so genau.

Die Bewunderung für Alems Spiel beflügelt Maman seit Jahren in ihrem Unterricht. Manchmal nötigt sie ihn, einen besonders begabten Schüler anzuhören und ihm eine Stunde zu geben. Alem reagiert meist gutwillig, ist mit der Situation aber eigentlich überfordert. Ich habe ihn im Verdacht, dass er selbst nicht weiß, wie die Magie in sein Spiel kommt, er versteht nichts von der Mühe, eine Fähigkeit aus sich heraus zu graben und an ihr wie an einem störrischen Stein zu meißeln. Alem fällt alles leicht. Ob es Notenbilder oder Zahlenreihen sind, die einzige Aufgabe seines Hirns scheint darin zu bestehen, in der richtigen Kammer das Licht anzuschalten.

Während ich mit Maman telefoniere klingelt es an der Tür. Das wird Colin sein. Ich wickele mich fester in die Decke, die mir Alem aus irgendeinem Land mitgebracht hat, und erinnere mich an unsere erste Begegnung.

Damals vor acht Jahren, als sein Name noch nicht überall in der Musikpresse bekannt war, erzählte mir Maman begeistert von „diesem unglaublichen Geiger, der beim Paganini-Wettbewerb in Genua alle an die Wand gespielt hat.“ Zusammen mit zwei Schülerinnen gingen wir zu seinem Konzert in der Festival Hall, und hinterher ließ es sich Maman nicht nehmen, uns alle hinter die Bühne zu seiner Garderobe zu zerren, wo sie ihm gratulierte und Autogramme für ihre Schützlinge verlangte. Mir war die Situation peinlich und ich versuchte, mich im Hintergrund zu halten, aber Alem zog mich charmant ins Gespräch.

„Meine Tochter ist Pianistin“, stellte mich Maman höchst unpassend vor, und ich beeilte mich, von meinem Businessstudium zu erzählen.

„Wie interessant“, sagte Alem überraschenderweise, „ich habe auch einen Businessabschluss gemacht und ein Jahr an der Wallstreet gearbeitet, bevor ich mich total auf die Geige konzentriert habe. Musik und Zahlen sind manchmal eine gute Kombination.“

„Ich habe mich für die Zahlen entschieden, aber ich kann nicht behaupten, dass ich eine Wahl hatte“, sagte ich leicht verlegen.

Ein paar Tage später lud er mich zu Paolo ein, der damals noch sein kleines Restaurant in Hampstead hatte. Bis in die frühen Morgenstunden saßen wir da und unser Gespräch stand nicht eine Minute still. Wir schwärmten von Musik und fernen Ländern, erinnerten uns an die Schulzeit, entdeckten gemeinsame Bekannte und stritten über die Eigenarten der Franzosen; schließlich landeten wir unvermeidbar da, wo wir bis heute immer wieder landen: Familie und Politik – alles, was uns eint, alles, was uns trennt. Ich verirrte mich im Dickicht der Argumente, meine gewohnten Wegweiser führten nur immer dichter hinein. Am Schluss des Abends fühlte es sich an, als hätte er meine Sicht der Dinge aufgeschüttelt wie ein durchgelegenes Kissen.

Mit Alem trat eine neue Welt in mein Leben und gleichzeitig war mir vieles an ihm so vertraut, als würden wir uns schon ewig kennen. Maman war von unserer Verbindung begeistert und Papa hatte mit Alems Vater schon Geschäfte gemacht. Alles schien wie selbstverständlich einen harmonischen Akkord zu ergeben – und doch blieb dieses Nebengeräusch, zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich laut. Ich konnte nicht sagen, woher es kam, immer wenn ich es zu lokalisieren glaubte, entzog es sich wieder. Manchmal dachte ich, es hätte aufgehört, so wie der Rasenmäher des Nachbarn eine Pause macht, ohne dass man es gleich bemerkt, aber dann war es irgendwann wieder da, leise und unerbittlich.

„Sarah, würde euch das Datum passen? Wir können es auch nachmittags machen, wenn Alem das lieber ist.“

Ich habe ihr nicht richtig zugehört. „Können wir vielleicht ein anderes Mal darüber sprechen? Ich sitze hier bei den Vorbereitungen für nächsten Samstag.“

„Ach so“, Mamans Stimme klingt verletzt, aber der Moment ist sofort wieder verflogen. „Vergiss nicht, Carlos für das gesamte Wochenende zu buchen“, erinnert sie mich.

„Glaubst du, ich vergesse unseren Zigarrensommelier? Carlos hat als Erster von dem Treffen erfahren, und zwar von Papa selbst“, lache ich. „Mach dir keine Sorgen. Er würde freiwillig im Humidor übernachten, wenn der ganze Aficionado-Clan im Hotel ist.“

„Da hast du Recht“, lacht Maman.

„Ich melde mich morgen wieder bei dir“, verspreche ich.

„Ist gut. Grüß unseren Stargeiger. Gute Nacht, mein Liebes“, sagt sie und legt auf.

Ich gehe in die Küche und öffne die Dose mit Genmaicha-Tee, die mir Dr. Moriwaki heute Morgen geschenkt hat. Er leitet ein Forschungslabor für Gentechnik in Tokio und ist regelmäßig zu Gast im Hemingway, wenn er Vorträge in der Stadt hält – vor allem aber liebt er klassische Musik. Bereits Monate im Voraus bestellt er Karten für alle Konzerte, die er während seines Aufenthalts unterbringen kann.

Ein feiner Duft weht mir aus der kunstvoll bemalten Dose entgegen, ich stelle den Wasserkocher auf 80 Grad und gieße zwei Kannen auf, eine davon bringe ich Alem und Colin ins Musikzimmer. Als ich die Tür öffne, schallen mir wilde Akkorde und Gelächter entgegen. Alem sitzt schräg auf den Klaviertasten und spielt dabei immer wieder dieselben drei Töne. „Colin, du musst nach mir spielen! Hör doch mal zu…“

„Du brauchst aber doppelt so lange, als es dasteht“, beschwert sich Colin.

„Nennt ihr das proben?“, frage ich kopfschüttelnd und stelle die Kanne auf den Tisch neben dem Flügel. Colin steht auf und gibt mir zwei Küsschen auf die Wange.

„Sarah-darling, schön dich zu sehen“, sagt er und blickt begehrlich auf die Schale mit Reisgebäck in meiner Hand. „Ich weiß genau, warum ich lieber bei Alem proben will als in irgendeinem Studio…“

Alem lächelt mich an, hört aber nicht auf zu spielen. „Danke“, ruft er und formt einen Kussmund in meine Richtung. Ich sehe von einem zum anderen, halte mir gespielt die Ohren zu und gehe wieder hinaus.

Es ist Stunden später, als Alem ins Wohnzimmer kommt, sich in einen Sessel fallen lässt und den Fernseher anschaltet. Wie immer schaut er sofort nach den Börsenkursen, da ist er wie Papa.

„Maman hat angerufen, sie hat bald wieder ihr Vorspiel“, sage ich.

„Hmm.“ Alem schaltet weiter durch die Programme und bleibt bei einer Diskussionsrunde zum Nahostkonflikt hängen. Gerade spricht ein schwedischer Diplomat zur Entscheidung seines Landes, Palästina als Staat anzuerkennen.

„Schweden ist mutig“, murmelt Alem, „das kann man von der britischen Regierung leider nicht behaupten.“

Ich schaue ihn gereizt an. Bitte nicht. Politik bedeutet entweder einen Vortrag oder Streit, auf beides habe ich keine Lust. So oft schon hat sich ein entspanntes Sunday-Roast-Familientreffen in ein flammendes, aussichtsloses Inferno verwandelt.

Eigentlich sollte sich zumindest die Hälfte unserer Familie verstehen, auf beiden Seiten gibt es Holocoust-Überlebende und alle haben Familienmitglieder im Krieg verloren. Alems Grandma Greenberg – Grünberg, wie sie vorher hieß – hat Bücher darüber geschrieben und ging auf Lesereise durch Deutschland und Österreich, um die nächste Generation aufzuklären. Bis zu ihrem Tod war sie unermüdlich gegen das Vergessen aktiv.

Mamans Familie hat sich dagegen in die Verdrängung geflüchtet: Grand-père wurde als Teenager fünf Jahre in einer christlichen Gemeinde versteckt, doch nach dem Krieg brach er jeglichen Kontakt zu der Pflegefamilie ab. Grand-mère überlebte erst Drancy und dann Auschwitz, wollte aber nie wieder darüber sprechen. Beide waren sich einig, die Vergangenheit so weit wie möglich hinter sich zu lassen – nach der Hochzeit änderten sie ihren Namen von Rubin in Robert, um unerkannt in der französischen Gesellschaft aufzugehen.

Maman wurde von ihnen fanatisch geliebt, doch durch die abgedichtete Oberfläche ihrer makellosen Familie konnte sie die Angst spüren, mit der ihre Eltern lebten. Irgendwo da draußen schien ein namenloses Grauen zu lauern, vor dem niemand sicher war und keiner sie zu schützen vermochte.

Maman war ein angepasstes Kind, ängstlich und schüchtern, bis sie das Geigespielen entdeckte. Die einzigen Momente, in denen sie ihre Unsicherheit nicht spürte, waren mit der Violine in ihrem Zimmer. Sie übte jede freie Minute ihrer Kindheit und studierte dann Musik in Tel Aviv, doch bevor sie sich in den Kampf um einen Platz auf der Bühne stürzen konnte lernte sie Papa kennen, der sie mit nach London nahm. Sie heirateten, Maman bekam erst mich und dann Rachel, während Papa das Hemingway eröffnete: ein Boutiquehotel mit Blick auf den Hydepark, das neben der Art-Deco-Ausstattung aus Onkel Simons Antik-Geschäften die exklusivste Zigarrensammlung von ganz Europa beherbergt.

Alems Vater bekommen wir selten zu Gesicht, mit seinen Immobiliengeschäften ist er überall auf der Welt unterwegs. Vor siebenunddreißig Jahren heiratete er Alems Mutter, eine palästinensische Journalistin aus Jordanien. Maman sagt, niemand kann sich heute noch den Skandal vorstellen, der das in den siebziger Jahren gewesen sein muss. Die Eltern der Braut kamen nicht zur Hochzeit und sprachen bis zur Geburt von Alem nicht mit ihrer Tochter. Fotos von ihr zeigen eine schwarzhaarige Frau mit hoher Stirn und energischem Kinn: Yasmin Khoury, gestorben bei einem Verkehrsunfall in Hampstead, die Umstände sind bis heute ungeklärt. Obwohl ihr Tod schon fast zwanzig Jahre her ist, werde ich bei unseren Familientreffen das Gefühl nicht los, dass jemand inmitten aller Streitigkeiten thront – unsichtbar und doch so präsent und beherrschend, wie es nur jemand sein kann, um dessen Existenz sich so viele unbewältigte Gefühle ranken.

„Darling, möchtest du vielleicht noch etwas essen“, sage ich hilflos, als ich sehe, wie Alem stirnrunzelnd die Fernsehdiskussion verfolgt. Gerade erläutert ein israelischer Professor seine Sicht der Dinge.

Er hört mir nicht zu. Ich sehe an seinem Blick, dass er weit weg ist, irgendwo an einem Ort, zu dem ich keinen Zutritt habe, als würde er mir seine körperliche Anwesenheit überlassen, während sie ihn selbst nicht mehr interessiert. Er starrt durch den Bildschirm hindurch, in Erinnerungen versunken.

„Maman wollte einen Termin für das Vorspiel festlegen“, versuche ich ihn in die Gegenwart zurückzuholen. „Sie fragt, ob es uns in zwei Wochen passen würde.“

Alem schaut flüchtig zu mir und dann wieder zum Fernseher. „In zwei Wochen? Das geht nicht, da bin ich noch in Südamerika.“

„Wie lang bist du denn weg?“

„Keine Ahnung, muss ich nachsehen.“

„Wann fliegst du?“

„Montag.“

Sofort beginne ich zu rechnen: noch drei Wochen bis zu meinem nächsten Eisprung, sofern meine Tage pünktlich sind. Er könnte genau zum richtigen Zeitpunkt wieder da sein. Allerdings ist auf meine Tage selten Verlass.

„Du bist doch gerade erst wieder zu Hause!“, sage ich und versuche dabei nicht allzu enttäuscht auszusehen.

„Darling, wir haben doch schon darüber gesprochen. Wenn es bei mir etwas ruhiger ist, fahren wir ein paar Tage raus aus der Stadt“, sagt Alem ein bisschen zu schnell, ich höre die Ungeduld in seiner Stimme.

„Wie geht es Rachel?“ wechselt er das Thema.

Ich überlege, ihm etwas von unserem Gespräch zu erzählen, entscheide mich dann aber dagegen. „Gut“, antworte ich und lächle ihn an, „sie freut sich auf die Dreharbeiten.“

Alem nickt. „Gott sei Dank geht es mit ihr wieder bergauf. Manchmal habe ich mir wirklich Sorgen gemacht, bei all diesen Parties…“

Wenn du wüsstest, was auf diesen Parties so passiert, denke ich und spüre wieder dieses bohrende Gefühl im Magen. Entschlossen stehe ich auf.

„Möchtest du ein Glas Wein?“, frage ich und hole zwei Gläser aus dem Schrank.

„Du trinkst?“, fragt er erstaunt.

„Nur noch heute Abend, morgen beginnt mein Detox-Monat.“ Mit der Flasche in der Hand setze ich mich zu Alem, der Sessel ist zu klein für uns beide und ich rutsche halb auf seinen Schoß.

„Detox-Monat? Macht man das nicht normalerweise nur eine Woche?“, wundert er sich.

„Eine Woche bringt doch nichts, da hat man gerade mal angefangen“, sage ich.

Er nimmt mir die Flasche aus der Hand, um sie zu entkorken. „Dann genieße deinen letzten sündigen Abend“, scherzt er.

Ich lege den Kopf an seine Schulter. „Du bist zu oft weg…“

„Jetzt bin ich doch da“, sagt er leichthin und schaut aus dem Fenster.

Ich folge seinem Blick. „Drehen wir morgen früh zusammen eine Runde durch den Park?“

„Gerne!“ Er lächelt mich an.

„Ich bin ziemlich gut im Training – wir fangen zusammen an und ich warte dann später mit dem Frühstück auf dich“, provoziere ich ihn, wohl wissend, dass ein Wettkampf immer ein sicherer Köder ist.

Er stellt sein Glas ab und fängt an, mich zu kitzeln. „Angeberin! Das werden wir noch sehen!“ Mit einem Schrei fahre ich hoch und wir beginnen eine handfeste Rauferei, bei der wir schließlich auf dem Sofa landen, Alem über mir, er hält mich fest.

„Mylady, geben Sie freiwillig auf?“, fragt er, aus seinen dunklen Augen schlagen Blitze.

„Niemals!“, sage ich und warte darauf, dass er anfängt, mich zu küssen. Aber er schaut nur auf mich herab, plötzlich nachdenklich.

„Was ist?“

„Nichts…“, sagt er schnell und lächelt schon wieder. „Ich liebe deine Sommersprossen, hab ich dir das schon gesagt?“

„Lenk nicht ab!“ Ich mache mich los. „Falls du dir über die Folgen beim Sex Gedanken machst: Du warst zu entscheidender Zeit mal wieder nicht da!“

„Für einen Zuchtbullen habe ich verdammt viel Auslauf“, sagt Alem ironisch und ich werfe ihm einen wütenden Blick zu.

„Mach dich nur lustig. So funktioniert nun mal die Biologie – einmal im Monat gibt es eine Chance! Wenn meine Tage diesmal pünktlich kommen, wären wir aber genau zur richtigen Zeit dran, wenn du zurückkommst.“

Er sucht auf dem Tisch nach der Fernbedienung. „Verschone mich mit deinem Planungswahn.“

„Wärst du öfter zu Hause, müssten wir nicht planen!“

Er seufzt. „Wenn die Jungfrau Maria wüsste, was für einen Aufwand sie mit dem verdammten Engel gespart hat…“, murmelt er, offensichtlich inspiriert vom Papst, der in diesem Moment auf dem Bildschirm zu sehen ist.

„Selbst wenn ich konvertieren würde, wäre es für diese Lösung jetzt ein bisschen zu spät“, zische ich, nehme mein Weinglas und gehe in Richtung Tür.

Im Türrahmen bleibe ich noch einmal stehen. „Wenn du dir noch etwas zu essen machst, das neue Brett in der Küche ist nur für Obst und Gemüse, wir schneiden darauf kein Fleisch!“

Ich sehe, wie er den Kopf schüttelt, aber er lächelt dabei.

Seit Beginn unseres Zusammenlebens macht er sich über meine Angewohnheit lustig, für jeden Gegenstand in der Küche eine eigene Verwendung festzulegen: der rote Lappen nur für den Tisch, die Tontassen nur für grünen Tee, die Glaskaraffe nur für stilles Wasser, das japanische Messer nur für Fleisch, die Reibe aus der Toskana nur für den Parmesan. Er hält sich demonstrativ daran, allerdings nie ohne einen Kommentar. Neulich hat er beim Abtrocknen der Kristallgläser, die wir nur per Hand spülen, das Handtuch bemängelt.

„Es war in der falschen Schublade. Wenn es bei den Staubtüchern gelegen hat, ist es nicht mehr Jungfrau!“

Er hat auch schon die Neuordnung des Kühlschranks nach Verfallsdatum vorgeschlagen. „Damit ich mich nicht mehr auf einen Joghurt freue, um dann festzustellen, dass er von dir grundlos weggeschmissen wurde.“

Er übertreibt natürlich, ich schmeiße die Dinge nie grundlos weg. Wenn ich sie so lange aufbewahren würde wie Alem, wäre unser Kühlschrank ein Biotop.

Ob alle Ehepaare so etwas wie geheime Codewörter entwickeln, die eine Situation in Sekundenschnelle eskalieren oder beruhigen? Mit der Erwähnung des neuen Schneidebretts habe ich jedenfalls ein Friedensangebot gemacht und es ist bei Alem unmissverständlich angekommen.

„Gute Nacht“, sagt er mit weicher Stimme.

Ich werfe ihm eine Kusshand zu, bevor ich die Treppe zum Schlafzimmer hinaufgehe.

***

Am nächsten Morgen bin ich mit Natasha verabredet.

Hoffentlich denkt sie daran, die Einsätze für den Dampfgarer mitzubringen, den sie vor ein paar Tagen an mich weitergegeben hat. Von Natasha bekomme ich immer ihre ausrangierten Küchengeräte, wenn sie von ihrem Mann Oliver etwas Neues geschenkt bekommt – was ziemlich oft der Fall ist, ihre Küche gleicht inzwischen einem Ufo. Olivers letzte Anschaffung, ein Thermomix, hat allerdings fast alle hochwertigen Vorgänger-Geräte in die Arbeitslosigkeit entlassen. Den Dampfgarer habe ich bereitwillig vor der Frühpensionierung bewahrt, aber für die restlichen Geräte muss Natasha jemand anderen finden. Ich bin froh, wenn ich mich nicht alle paar Monate durch eine neue Bedienungsanleitung quälen muss.

Mein Handy vibriert, Natasha schickt mir eine Nachricht. „Sorry, noch fünf Minuten.“ Ich verdrehe entnervt die Augen. Obwohl ich seit vielen Jahren weiß, dass sie nirgendwo pünktlich kommt, habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt.

Mit einem Zettel in der Schulzeit hat unsere Freundschaft damals begonnen. Ich erinnere mich noch genau an das aufgeregte Kribbeln in der Magengrube, als ich ihn unter den strengen Blicken von Madame Martin entfaltete: „I think we are going to be best friends“, schrieb Natasha.

Im Grunde hat sie an diesem Tag über uns entschieden, so wie sie immer über alles entscheidet, nur dass sie inzwischen etwas indirekter vorgeht. Ich fühlte mich überrumpelt, aber gleichzeitig geschmeichelt. Wir waren beide gerade dreizehn geworden, und während ich damit beschäftigt war, Maman zu gefallen und möglichst schnell erwachsen zu werden, trieb Natasha sich mit Jungs herum, tanzte bis in die Morgenstunden und pflegte einen harschen Umgangston. Niemand wagte ihr zu widersprechen, denn sie war auf gnadenlose Art klug, eine Meisterin der schnellen Worte, die ihre Gefechte nicht immer fair gewann.

Während sie dieses Talent auf der Havard Law School zur Perfektion brachte, bereitete ich mich in Paris auf die Managementposition in Papas Hotel vor. Als wir dann beide im gleichen Jahr nach London zurückkehrten, rastete unsere Verbindung wie ein Zahnrad an seiner vertrauten Stelle wieder ein. Erst war ich ihre Trauzeugin und kurz darauf sie meine, allerdings gab es eine Sache, in der wir uns schmerzhaft unterschieden: Natasha war bereits vor ihrer Hochzeit schwanger.

Alem und ich zogen nach West Hampstead und es dauerte nicht lange bis Natasha und Oliver das Haus am Ende unserer Straße kauften. Alem hat sich furchtbar aufgeregt, ihm war diese Nähe nicht geheuer, er und Natasha umkreisen sich bis heute wie zwei Löwen auf der Hut vor dem ersten Krallenhieb.

„Sie wird vorbeikommen, um zu kontrollieren, ob die Waschmaschine am Sabbath läuft! Du musst wahnsinnig sein, sie hierher zu holen“, rief er aufgebracht, wobei er da mal wieder übertrieben hat. Natasha ist entgegen ihrer streng jüdischen Erziehung ziemlich tolerant. Aber wir sind näher zusammengerückt, damit hat er Recht behalten. Eine hat die Hausschlüssel der anderen, wir versorgen gegenseitig unsere Pflanzen und lästern einvernehmlich über die Nachbarn.

Heute Morgen haben wir Karten für die Ausstellung von Alexander McQueen im Victoria and Albert Museum. Natasha ist eine Viertelstunde zu spät, dafür hat sie an die Einsatzböden für den Dampfgarer gedacht. Eine Wolke Parfüm weht mir entgegen, als ich die Autotür öffne, hastig steige ich ein und versuche im elektronischen Dschungel des Sitzmenüs die Rückenlehne zurückzustellen. Alles Mögliche fängt an, sich diskret surrend zu bewegen, nur meine Rückenlehne weicht keinen Zentimeter. Natasha fährt mit quietschenden Reifen los.

„Wir verpassen unser Zeitfenster“, sage ich und werfe einen nervösen Blick auf die Uhr. „Diesmal nehmen wir aber deinen Namen, um an den Ordnern vorbeizukommen!“

„Mum ist das immer so peinlich…“ Natasha hält an der nächsten Ampel und stellt mit ein paar Handgriffen meinen Sitz bequemer ein. „Sie findet, als Sponsor muss man ein Vorbild sein und sich erst recht an alle Regeln halten. Aber was soll ich machen, zur VIP-Führung hatte ich keine Zeit, also muss ich gehen, wenn alle gehen…“

Für eine Weile fahren wir schweigend und Natasha konzentriert sich auf den Verkehr. Als sie in letzter Sekunde einen Bus überholt, löst sie empörtes Hupen aus. Mein Kopf fängt an zu schmerzen, ich fühle mich wie vor einem Migräneanfall. Wenn sie so weiterfährt, wird mir schlecht.

„Ich war schon fast bei meiner Mutter, um Joshua abzugeben, aber er hatte sein neues Nilpferd vergessen, deshalb mussten wir nochmal zurückfahren. Ohne dieses Vieh hätte er Mum das Leben zur Hölle gemacht.“

Damit will sie natürlich sagen, dass ich an unserer Verspätung schuld bin, denn das Nilpferd hat er von mir.

„Entschuldigung“, murmele ich. Natashas Fahrstil schüchtert mich irgendwie ein.

„Ich lasse den Wagen bei der Kanzlei stehen und wir nehmen von dort ein Taxi. Alles andere hat keinen Sinn“, sagt sie. „Beim Museum kann man sowieso nicht parken.“

Ich betrachte sie von der Seite und frage mich, wie sie es geschafft hat, trotz aller Hektik so makellos zurechtgemacht zu sein. Ihr glattes braunes Haar ist zu einem Knoten aufgesteckt, allein für die Frisur würde ich Stunden brauchen. Schon in der Schule führte sie damit alle in die Irre: Natasha war diejenige, die verbotene Bücher mit in die Prüfung brachte, doch zur Rede gestellt sahen die Lehrer diese elegante Person vor sich, die sich mit eloquenter Raffinesse zu verteidigen wusste. Niemand hat ihr je etwas nachweisen können. Heute stellt sie diese gewinnbringende Begabung anderen zur Verfügung und ist damit sehr erfolgreich – für ihre Kanzlei gewinnt sie einen Fall nach dem anderen. Einzig und allein ihr Sohn leistet ihr mit seinen knapp sieben Jahren unerschrockenen Widerstand, und ich bestärke ihn heimlich darin, wenn sie es nicht mitbekommt. Es ist Natashas Glück, dass Oliver noch mehr arbeitet als sie und so gut wie nie zu Hause ist. Joshuas Widerspruchsgeist würde ihn unter Umständen inspirieren.

Zwanzig Minuten später laufen wir durch Alexander McQueens Modekreationen, eine sinnliche Sinfonie aus Klängen, Farben und Stoffen. Jeder Showroom ist bis ins Detail inszeniert, Beleuchtung und passende Musik lassen die Kleider lebendig werden.

Vom Gothic-Style mit seinen üppigen schwarzen Stoffungetümen geht es weiter zur afrikanisch inspirierten Kollektion. Im Hintergrund spielt Trommelmusik, die Wände sind mit bronzenem Metall in Form einzelner Knochen verkleidet. Natasha rückt neben mich und betrachtet einen Rock, der aus einigen lose zusammengenähten Stofffetzen besteht.

„Wenn Papa wüsste, wofür sie sein Geld ausgeben“, sagt sie kopfschüttelnd. „Aber es zieht die Massen ins Museum, darauf kommt es an.“

„McQueen hat eine sehr künstlerische Auffassung von Mode… vor allem, wenn man alle Kreationen nebeneinander sieht“, widerspreche ich.

„Darum geht es den Leuten aber nicht. Er hat es als Sohn eines Taxifahrers nach oben geschafft und war Zeit seines Lebens das Enfant terrible der Modeszene. Er selber ist die Sensation. Im Grunde ist es völlig egal, wie seine Entwürfe aussehen, Hauptsache, sie provozieren.“

„Gefallen sie dir nicht?“

Natasha lacht. „Sie sind jedenfalls keine Inspiration für ein neues Abendkleid. Aber ich will verstehen, warum sie so gut ankommen. “

Ich muss an Alem denken, der Natashas Pragmatismus nicht mag. „Bei entsprechenden Erfolgsaussichten würde sie auch eine Ausstellung mit Hitlers Malerei organisieren“, hat er mal gesagt. Es stimmt, dass Natasha einen raubtierhaften Instinkt für den Vorteil einer Situation besitzt, wahrscheinlich ein Nebeneffekt ihres Berufs. Sie wurde auch von überzeugenden Vorbildern geprägt: Ihr Vater herrscht als Investmentbanker aus einem Glaspalast über das Bankenviertel und ihre Mutter finanziert mit seinem Geld die wichtigsten Kulturevents der Stadt.

Der nächste Raum gleicht einem überdimensionalen, begehbaren Setzkasten. Ringsherum sind die Wände bis zur Decke in schwarze Fächer unterteilt, in denen Schuhe oder Taschen ausgestellt sind, an manchen Stellen gibt es Videos der letzten Modenschauen zu sehen.

Ich bemerke nicht weit von uns eine Frau, die von Kopf bis Fuß in einen Seiden-Jumpsuit im Leopardenlook gehüllt ist. Selbst ihre Schuhe haben dasselbe Muster, das dem Alexander McQueen-Stil ziemlich nah kommt.

„Gehört die auch zur Ausstellung?“ flüstere ich Natasha ins Ohr.

Natasha stößt mir ihren Ellbogen in die Seite. „Das ist Dame Finley, ein Board-Mitglied! Lass uns weitergehen, wenn sie mich sieht, müssen wir mit ihr zu Mittag essen…“

Wir sehen einen Film mit optischer Täuschung, Kate Moss taucht auf in einem märchenhaft-weißen Kleid und verschwindet schwebend wie ein Geist aus der Flasche. Dann einen Raum mit Vogelstimmen und Kleidern nur aus Muscheln und Federn. Schließlich die letzte Kollektion auf Chrompuppen, vor einer Videoinstallation mit Technomusik.

„Eine geniale Arbeit der Kuratorin“, bemerkt Natasha. „Sie ist vom Metropolitan Museum in New York.“

Wir machen uns auf den Weg ins Café.

„In so eine Ausstellung würde ich sogar Oliver bekommen…“ Natasha überlegt einen Augenblick, aber macht dann eine wegwerfende Handbewegung. „Er hätte sowieso keine Zeit.“

Wir stellen uns in die Schlange beim Buffet.

„Kannst du nicht mit ihm darüber reden, dass ihr euch so selten seht?“, frage ich.

„Ach, das führt zu nichts.“ Natasha bestellt einen Tee und nimmt sich ein Sandwich. „Abwesenheit ist sowieso das Beste für eine Ehe – dann vermisst man sich, anstatt zu streiten.“

Ich nehme mir Salat und bestelle einen schwarzen Kaffee. Vielleicht hilft das gegen die bohrenden Kopfschmerzen, die ich seit der Autofahrt nicht loswerde. Wenigstens habe ich sie in der Ausstellung ab und zu vergessen.

„Vermisst du Oliver denn eigentlich, wenn er nicht da ist?“, frage ich.

Natasha schaut mich an und zuckt die Schultern. „Meistens nicht“, gibt sie zu. „Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, alles allein zu organisieren.“

Wir bekommen einen Tisch im Gamble Room neben einer der Säulen. Natasha betrachtet die üppige Wanddekoration.

„Es ist immer so schön hier.“ In ihrem Ton schwingt eine merkwürdige Anerkennung mit, als hätte man die Kulisse eigens für sie zum Lunch aufgestellt. Sie entnimmt ihrer Handtasche einige Papiere. „Sag, kannst du mal einen Blick darauf werfen… habe ich etwas vergessen? Das ist der Feedback-Fragebogen für mein Festival.“

Ich überfliege die Fragen, Natasha widmet sich währenddessen ihrem Handy.

„Klingt gut“, sage ich schließlich, „vielleicht kannst du noch eine Frage für die freiwilligen Helfer einbauen.“

Natasha nickt und macht sich eine Notiz. „Danke. Wann kommst du eigentlich am Sonntag? Willst du mit mir fahren?“

Nein, will ich nicht. Beim Gedanken an zwei Stunden mit ihrer Fahrweise auf einer engen kurvigen Landstraße werden meine Kopfschmerzen sofort wieder stärker.

Am Sonntag soll Alem beim Eröffnungskonzert von Natashas Festival spielen. Sie hat so lange gedrängelt, bis er nachgegeben hat, und sie ist besonders stolz auf einen weiteren Erfolg: Tony Bliss, der neue Star am Dirigentenhimmel, wird das Konzert dirigieren. Eigentlich können sich die Agenturen der beiden nicht ausstehen, ich will lieber nicht wissen, wie Natasha sie zur Zusammenarbeit bewegt hat.

„Vielleicht fahre ich mit Alem“, sage ich ausweichend. „Wir sehen uns danach länger nicht, er ist in Südamerika.“

„Ach so.“ Natasha schiebt den Teller mit einem Rest Sandwich von sich und schaut auf die Uhr. „Darling, lass uns gehen. Das Problem an einem freien Tag ist, dass man all die Dinge erledigen muss, die man nicht schafft, während man arbeitet. Aber wer will schon einen wirklich freien Tag? Papa sagt immer, dabei kommt man nur auf unsinnige Gedanken.“ Sie lacht. „In seiner Bank musste man den Praktikanten das Arbeiten am Wochenende sogar verbieten! Neulich haben sie den 17-Stunden-Tag eingeführt, Bürozeiten darüber hinaus sind verboten. Freiwillig geht da anscheinend niemand nach Hause.“

Wir gehen durch die Galerie zurück zum Ausgang, als mein Telefon klingelt.

Es ist das Hemingway, offensichtlich hat es einen Buchungsfehler gegeben. Mr. Salali aus Dubai ist eben angereist und behauptet, er hätte das Penthouse gebucht, in dem ab morgen das Meeting der Jewelers Insurance stattfinden soll.

„Darum muss ich mich sofort kümmern“, sage ich zu Natasha und bestelle ein Taxi.

„Ist das nicht neulich erst passiert?“, fragt sie.

„Ja, ich weiß. Harry ist erst ein paar Monate bei uns. Ich dachte, sein Fehler sei die Ausnahme…“

„Offensichtlich nicht.“

„Vielleicht kann ich ihn nicht behalten…“, sage ich zögernd.

„Natürlich nicht!“ Natasha verzieht das Gesicht. „Jetzt bekomm bitte nicht wieder einen deiner mütterlichen Anfälle. Schmeiß ihn einfach raus!“

Sie öffnet die Taxitür und hält sie für mich auf. „Du meldest dich nochmal wegen Sonntag? Mein Angebot steht.“

„Ich komme darauf zurück“, verspreche ich und steige hektisch ins Taxi.

***

Das Internat liegt abgeschieden auf einem Hügel, die breite, mit alten Pappeln umsäumte Allee führt direkt darauf zu. Ringsum erstrecken sich Felder und Weiden mit Schafen, neben dem Gebäude grasen ein paar Pferde in der Sonne vor dem Stall.

Wir parken neben einem schwarzen Bentley und Alem verzieht den Mund.

„Das ist bestimmt das Auto von Mr. Rising Star. Ich kann nicht erwarten, dass dieses Konzert vorbei ist. Sein Beethoven klingt wie die Front des Sechs-Tage-Kriegs!“

Er greift nach seiner Geige und der Fracktasche und knallt die Autotür zu.

Offensichtlich ist Natashas Kombination kein großer Erfolg. Seit der gestrigen Probe hat Alem jedenfalls schlechte Laune – soweit ich das beurteilen kann, wir hatten kaum Zeit, ein Wort miteinander zu wechseln. Mein ganzer Samstag wurde vom Jelewers meeting beansprucht und Alem hatte sein Konzert in der Wigmore Hall.

Als wir in den Saal kommen, probt das Orchester gerade die Mendelssohn-Sinfonie für den zweiten Teil des Konzerts. Wir hören eine Weile zu und ich betrachte Tony Bliss. 23 Jahre jung ist er, der Kleidung nach zu urteilen könnte er auch gerade auf dem Weg zum Surfen sein. Seine Art zu dirigieren passt dazu, fast wirkt es wie eine Tanz-Choreographie, so harmonisch sind seine Bewegungen.

„Es sieht doch gut aus“, sage ich.

„Wahrscheinlich hat er Ballettunterricht genommen“, knurrt Alem. „Hör doch mal hin, das ist alles vollkommen willkürlich, nur billige Effekte! Das Business ist völlig krank, und Agenturen wie meine oder CMI sind mit daran schuld. Man verdient eben am meisten mit Dirigenten, die bekommen die höchsten Gagen. Tony haben sie ein Popstar-Image verpasst, weil er jung ist und gut aussieht… jetzt hör doch mal hin!“ Aufgebracht schüttelt er den Kopf. „So schnell kann man den letzten Satz gar nicht spielen! Irgendwann muss man währenddessen noch durch einen brennenden Reifen springen. Was hältst du davon, wenn ich das beim nächsten Vorspiel deiner Mutter erzähle, anstatt über Kreativität zu philosophieren?“

Alem ist wütend über seine Zusage, die ich ihm abgerungen habe, aber was ist so schlimm daran, einer Freundin einen Gefallen zu tun? Es sind doch auch seine Freunde, schließlich leben wir mit Natasha, Oliver und Joshua fast wie in einer Familie zusammen.

„Wieso fragt Natasha nicht, mit wem ich spielen will?“, schimpft er weiter. „Stattdessen kombiniert sie wahllos zwei bekannte Namen! Es wäre schön, wenn du sie mir bis zum Konzert vom Leib halten würdest, sonst kann ich für nichts garantieren.“

„Du wirst sie auf jeden Fall treffen!“, protestiere ich. „Es ist ihr Festival! Ihre Mutter wird auch gleich hier sein.“

„Auch das noch. Warum findet das Ganze nochmal statt? Ach ja, der Leiter des Internats ist ein Schulfreund ihrer Mutter und braucht ein besseres Image.“

„So ein Unsinn!“ Ich fange an, mich zu ärgern. „Die Schule soll einen musikalischen Schwerpunkt bekommen, das haben wir dir doch erklärt. Dafür wird eine Stiftung gegründet und ein Nachwuchswettbewerb ins Leben gerufen, damit die Schule international bekannter wird. Sie gehört schon jetzt zu den besten Schulen Englands!“

Alem greift nach dem Festivalprogramm, das überall auf den Sitzen verteilt liegt, und betrachtet die Auflistung der Sponsoren.

„Wie ich sehe, hat Dad auch brav gespendet…“

„Ja, ich habe letzte Woche mit ihm gesprochen. Er wollte eigentlich heute kommen, aber Patricia hat Geburtstag und sie sind übers Wochenende ins Cornwell-Haus gefahren. Hast du angerufen und ihr gratuliert?“

„Wieso? Ich wusste gar nicht, dass sie Geburtstag hat!“

„Ich finde schon, du könntest der Freundin deines Vaters zum Geburtstag gratulieren!“

„Wie gesagt, dazu müsste ich erst mal wissen, dass heute ihr Geburtstag ist“, wiederholt er gereizt.

„Willst du damit sagen, du hättest sie angerufen, wenn du es gewusst hättest?“

„Nein.“

„Was hast du gegen sie? Sei doch froh, dass Daniel nach all den Jahren wieder glücklich ist.“

„Das gönne ich ihm. Aber Patricia… glaubst du vielleicht, es ist Zufall, dass ihr Maklerbüro jetzt so viele Anfragen hat? Sie ist 35 und sehr schön – also, für jemand, der ihren Typ mag. Dad ist 68.“

„Dein Vater ist immer noch ein attraktiver Mann“, wende ich ein.

Alem schneidet eine Grimasse und wedelt mit dem Flyer vor meiner Nase. „Ich bleibe jedenfalls nicht auf Champagner und Canapés mit den Wir-finanzieren-Englands-Kulturleben-Snobs der Familie Brown!“

„Snobs? Unsere Familie ist auch nicht gerade arm… Was ist falsch an Sponsoring? Soviel ich weiß, gehört deinem Vater auch ein Stuhl beim Philharmonia Orchestra.“

„Ja, aber er hat dafür nicht als Gegenleistung neuen Baugrund geschenkt bekommen!“

„Stimmt, dein Vater ist ja ein Heiliger, er hat in eine verfolgte palästinensische Familie eingeheiratet und auf der Seite der Schwachen gekämpft!“

Auf der Bühne dreht Tony sich um, wir haben im Laufe der Auseinandersetzung den Flüsterton verlassen. Als er uns erblickt, setzt er sofort ein strahlendes Lächeln auf. „Wir brauchen nicht mehr lange!“

„Ich gehe mich einspielen.“ Alem steht auf und verschwindet in Richtung Künstlergarderobe, auf halben Weg kommt ihm Natasha entgegen. Ich sehe, wie sie hinter ihm her geht und auf ihn einredet. Muss ich mich jetzt dazwischen werfen? Ich habe keine Lust dazu. Wozu auch immer sie ihn überreden will, Alem wird sich schon zu helfen wissen.

Von den Schwierigkeiten zwischen Tony und Alem ist auf der Bühne nichts zu bemerken. Das Publikum scheint ihre Kombination zu begeistern: Bravo-Rufe schallen während des Applauses aus dem Saal. Ich bahne mir einen Weg durch die Menge in Richtung Garderobe, als Maman auf mich zukommt.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist?“, sage ich erstaunt.

Maman küsst mich auf beide Wangen. „Dein Vater hat Besuch aus der Dominikanischen Republik, es geht mal wieder um eine neue Zigarre. Da störe ich nur“, lacht sie, breitet die Arme aus und schaut an mir vorbei. „Wer kommt denn da? Hallo, mein Süßer!“

Als ich mich umwende, sehe ich Oliver und Natasha mit Joshua, der mein Nilpferd an sich drückt. Es hat eine ziemliche Verwandlung mitgemacht, seitdem ich es das letzte Mal gesehen habe. Grau und struppig sieht es aus, über dem Auge sind unverkennbare Nutellaflecken. Wir machen uns zusammen auf den Weg zu Alems Garderobe, wo sich schon eine kleine Schlange gebildet hat. Alem steht in der Tür und nimmt Glückwünsche entgegen, die Geige hat er noch in der Hand.

Ein Mann mit Kamera und Stativ kommt um die Ecke. „Darf ich?“, fragt er und Natasha wechselt einen Blick mit Alem. Er nickt.

Wir gehen in seine Garderobe, wo vor dem Spiegel ein Einblick in die letzten Minuten vor dem Konzert ausgebreitet liegt: Noten, Ersatzsaiten, Nailklipper, Handy-Aufladegerät und verschiedene Essensreste bilden ein für Alem sonst sehr untypisches Durcheinander. Während der Journalist seine Kamera aufbaut, stürzt sich Joshua auf die Schokolade.

„Joshua, erst fragen!“, ermahnt Natasha ihn, aber Alem lacht. „Bedien dich“, sagt er zu Joshua, der die Schokolade bereits mit seinen kleinen Fäusten hält.

Alem wirft einen Blick in den Spiegel, fährt sich kurz durch die Haare und setzt sich vor die Kamera in Positur.

„Alem Greenberg, Sie haben das erste King-David-Festival eröffnet, herzlichen Glückwunsch! Mit welchen Gefühlen haben Sie am heutigen Abend gespielt?“

Alem setzt ein gewinnendes Lächeln auf. „Zunächst möchte ich mich ganz herzlich bei Natasha Brown, der Initiatorin des Festivals, für die Einladung bedanken. Ich freue mich, der Idee für eine neue Musikfakultät hier am King-David-Internat gemeinsam Flügel zu verleihen. Das Festival ist der Startschuss für viele weitere musikalische Projekte an dieser Schule.“ Ich sehe Natasha zufrieden nicken und atme auf.

„Alem Greenberg zusammen mit Tony Bliss – eine Traumkombination, die sicher viele ins Konzert gelockt hat. Wie war Ihre Zusammenarbeit?“

„Wir haben uns gegenseitig inspiriert! Über das Ergebnis muss das Publikum entscheiden“, strahlt Alem in vollendeter Schauspielkunst.

„Wie ist Ihr Verhältnis zu musikalischer Ausbildung, unterrichten Sie selbst?“

Er zögert. „Instrumentalunterricht ist eine sehr verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe, sie erfordert vor allem Kontinuität. Das kann ich nicht anbieten bei meinen vielen Konzertverpflichtungen…“

„Aber Sie werden doch für kommende Meisterkurse am King-David-Internat zur Verfügung stehen?“

Ich sehe ihn kurz Luft holen. „Das ist vor allem eine Zeitfrage… Ohne Zweifel werden sich aber renommierte Pädagogen aus der ganzen Welt für diese Aufgabe interessieren. In Zukunft wird das King-David-Internat ein internationaler Treffpunkt für junge Musiker sein, um sich auf die professionelle Welt vorzubereiten.“

„Alem Greenberg, vielen Dank.“

***

„Ich wusste, dass es so enden würde“, Alem schlägt mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Natürlich haben wir uns nicht in der Pause verabschiedet, sondern sind bis zum Ende des Konzerts geblieben, und nicht nur das, jetzt fahren wir hinter Natasha und Oliver her, um bei ihnen zu Hause noch einen Whiskey zu trinken. Fast wäre Maman auch noch mitgekommen, dann würde dieser Abend wahrscheinlich nie enden.

Wir biegen hinter den beiden in die Einfahrt ein, Alem parkt neben Oliver und zieht energisch die Handbremse. „Ein einziger Drink!“ Er wirft mir einen mahnenden Blick zu.

Natasha öffnet die Tür und geht dann mit Joshua nach oben, um ihn ins Bett zu bringen. Wir gehen mit Oliver ins Wohnzimmer und bemerken neben der Ledercouch ein Gebilde aus hellen, eiförmigen Gegenständen, die an Fäden von der Decke hängen. Es nimmt ein beachtliches Stück des Raumes ein.

„Habt ihr eine neue Lampe?“, fragt Alem belustigt.

Oliver stellt Cognac und Whiskey auf den Tisch. „Das ist England aus Eiern an Fäden“, erklärt er. „Natasha hat das von der letzten Kunstmesse mitgebracht. Es gab auch Afrika als vereistes Stahlrohr mit dazugehöriger Kühlmaschine, aber das schien ihr zu riskant für unseren Holzboden.“

„England aus Eiern an Fäden?“, frage ich verständnislos.

Oliver holt noch eine Flasche Grappa aus der Bar und stellt sie vor mich hin. „Frag Natasha, ihr gefällt es.“

„Bewundert ihr unser neues Kunstwerk?“ Natasha kommt die Treppe hinunter.

„War der Künstler wenigstens attraktiv?“, frage ich kopfschüttelnd.

„Oh ja!“, sagt sie und lässt sich von Oliver einen Whiskey geben. „Irgendwie fand ich, es passt in unser Wohnzimmer. Man wird auch von allen Besuchern darauf angesprochen – der perfekte Eisbrecher für jedes Gespräch. Man sollte sich überlegen, die Gerichtssäle mit moderner Kunst auszustatten, um gemeinsam erlebte Verwirrung zu stiften. Vielleicht entstehen daraus die besten Vergleiche“, sie lacht und wendet sich Alem zu. „Joshua will übrigens, dass du ihm heute die Gute-Nacht-Geschichte vorliest.“

Alem schaut sie ungläubig an. „Wirklich?“

„Ja. Anscheinend hat ihn dein Spiel fasziniert, er redet von nichts anderem als Geige.“

Alem zuckt die Schultern, geht aber nach oben. Natasha wirft mir einen verschwörerischen Blick zu.

„Hat Joshua wirklich nach ihm gefragt?“, wundere ich mich.

„Ach Quatsch“, lacht Natasha, „aber Alem soll schließlich Vater werden – man muss ihn auf den Geschmack bringen.“

Oliver schaut sie vorwurfsvoll an. „Natasha! Misch dich nicht immer in alles ein!“

„Tue ich ja gar nicht. Aber du wirst sehen, es funktioniert.“

Eine Viertelstunde später kommt Alem wieder ins Wohnzimmer, in der Hand hält er einen bunten Stoffpapagei. „Das ist Coco“, erklärt er und wirkt dabei fast ein bisschen stolz. „Er kommt aus dem Weltall und ich soll über Nacht auf ihn aufpassen, damit er nicht wegfliegt.“

Er lässt sich aufs Sofa fallen und setzt Coco vor sich auf den Couchtisch. Natasha betrachtet ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Er hat dir Coco mitgegeben? Das ist aber ein Vertrauensbeweis…“

Ich nehme seine Hand. „Du bist ja total begabt!“, ziehe ich ihn auf.

Alem verdreht die Augen.

Natasha kann es nicht lassen: „Du wirst sehen, wenn euer Kind erstmal da ist, bist du ganz verliebt!“

„Natasha!“, Oliver ist ihr Verhalten wie immer peinlich.

Alem schaut zwischen uns hin und her. „Ist das eine Verschwörung? Ich tue ja, was ich kann, damit wir schwanger werden!“ Er zwinkert Oliver zu.

Dann schaut er wieder in meine Richtung. „Ich will nur anmerken, dass so ein Kind das Leben vollkommen auf den Kopf stellt und ich nicht viel Zeit dafür habe. Morgen sitze ich zum Beispiel im Flieger nach Lima und bin für zwei Wochen unterwegs.“

Natasha schüttelt besänftigend den Kopf. „Das soll doch auch so bleiben. Wofür gibt es schließlich Nannys!“

Ärgerlich schaue ich sie an. Genau so habe ich es mir eben nicht vorgestellt!

Oliver beugt sich zu Alem und sagt verschwörerisch: „Ich bekomme von Joshua auch nicht viel mit…“

Natasha fährt herum. „So war das nicht gemeint! Du bist wirklich nie zu einer normalen Zeit zu Hause.“

„Was willst du damit sagen?“, Oliver setzt sich auf. „Eine Klinik organisiert sich nun mal nicht von allein, ich kann die Patienten ja nicht aufgeschnitten auf dem OP-Tisch liegenlassen!“

Alem wirft mir einen vielsagenden Blick zu. „Siehst du, so wird es dann. Man feilscht gegenseitig um die freien Minuten.“

„Wer spricht denn von freien Minuten?! Ich arbeite die ganze Zeit!“ Oliver dreht sich empört zu Alem.

Ich stelle mein Glas mit einem Schwung auf den Glastisch. „Warum gibst du nicht endlich zu, worum es wirklich geht?“, frage ich und vergesse für einen Moment meine Zurückhaltung. „Du willst nicht, dass unser Kind jüdisch wird! Das wäre ein Problem für deine Mutter, wenn sie noch leben würde!“

Einen Moment lang ist es still, dann räuspert sich Alem. „Das ist vollkommener Unsinn!“, sagt er, aber in seinem Gesicht zuckt es. Ich weiß, dass ich einen Nerv getroffen habe.

Oliver und Natasha schauen verlegen, Natasha beeilt sich, die Stimmung zu entschärfen: „Wir wollen aus der Sache kein Politikum machen“, sagt sie leichthin, und Oliver schiebt ein Fotobuch in Alems Richtung, das die ganze Zeit unbemerkt auf dem Tisch gelegen hat. „Schaut mal, diese Fotos wollten wir euch schon beim letzten Mal zeigen. Sie sind von der Safari in Kenia zu unserem Hochzeitstag.“

Für den Rest des Abends halten wir uns an unverfängliche Themen. Das Gespräch kullert wie eine Murmel durch eins dieser Spielfelder voller Löcher, in die sie nicht hineinfallen darf; gemeinsam manövrieren wir die Kugel, darin sind wir seit Jahren geübt. Ich weiß nicht, wer zuerst auf die Uhr schaut, Oliver oder Alem. Es ist später geworden als beabsichtigt, wir brechen auf.

Natasha küsst mich auf beide Wangen und drückt mir zum Abschied ein pinkes Gerät mit der Aufschrift „Gummy Candy“ in die Hand. „Hier, für dich. Das wolltest du doch ausleihen.“

Alem starrt mich an. „Du willst Gummibären machen?“

„Mit hochwertiger Gelatine, Darling. Du wirst sie lieben.“ Alem und Oliver werfen sich einen Blick aus hochgezogenen Augenbrauen zu.

Wir steigen ins Auto, um die wenigen Meter zu unserem Haus zu fahren, Natasha und Oliver stehen in der Tür und winken uns hinterher.

***

Am nächsten Morgen sitzen wir uns am Frühstückstisch gegenüber, draußen prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben. Heute ist einer der 226 Regentage, die es jährlich in London gibt, angeblich sei die Regenzeit aber immer nur kurz, habe ich neulich gelesen. In dem Artikel hieß es, London sei zwar die viert-regenreichste Stadt in Europa auf Basis der Regentage, betrachtet man es aber von der Regenmenge her, erreichen wir nicht mal die Top Ten. Ich schaue aus dem Fenster und bin skeptisch. Wenn dieser Tag mal nicht die Statistik aus der Bahn wirft.

Alem hat das iPad neben sich und checkt seine Flugdaten. Plötzlich schaut er hoch und sieht mich an. „Gestern…“, sagt er langsam.

Ich winke ab. „Ich weiß schon, das war unnötig, dieser Streit vor Natasha und Oliver…“

„Das meine ich nicht.“ Er hält meinem Blick stand. „Ich hätte kein Problem damit, wenn mein Kind jüdisch aufwächst, das musst du mir glauben! Ich bin ja selbst jüdisch aufgewachsen…“

„Der Vater ist da nicht entscheidend.“

„Ich weiß. Aber es ist trotzdem immerhin die Hälfte meiner Erziehung!“, protestiert er.

„Die andere Hälfte ist aber relevanter, wenn es um die Familienplanung geht“, rutscht es mir heraus und bereue es sofort, als ich seinen Blick sehe.

„Wirfst du mir vor, dass ich meine Mutter nicht vergesse?“, fragt er, wie immer bei diesem Thema sofort in Verteidigungshaltung.

Ich seufze innerlich. Es ist Abreisetag, da empfiehlt es sich, das Gespräch leicht und flüchtig zu halten. Wie viele Szenen muss ich noch erleben, um das zu lernen?

„Am Ende ist sie doch irgendwelchen jüdischen Fanatikern zum Opfer gefallen, es ist jedenfalls nicht geklärt“, geht Alem jetzt zum Angriff über und hackt mit der Gabel in das Trüffelrührei, das ich ihm zum Abschied gemacht habe.

Ich rufe mir in Erinnerung, wie es endet, wenn man ihn provoziert, und versuche meinem Gesicht einen möglichst milden Ausdruck zu geben. Alems Temperament kann von einer Sekunde auf die andere explodieren, dann verschwindet sein Humor schlagartig und weicht einer Sturheit, die man ihm nicht zutrauen würde. Bevor er sich jedoch in das Thema verbeißen kann, klingelt zum Glück sein Telefon. Es ist die Agentur.

„Nein, Susan, ich habe den Vertrag nicht bekommen“, sagt er ungeduldig. „Kannst du ihn mir bitte mailen? Ich will ihn unbedingt noch sehen, bevor ich ins Flugzeug steige.“

Mit genervtem Blick legt er das Telefon wieder auf den Tisch. „Es ist immer dasselbe. Am Ende gibt es doch irgendwo ein verstecktes Detail, und schon habe ich irgendwelche Rechte abgetreten…“

„Vielleicht übertreibst du es ein bisschen mit deiner Kontrolle?“, frage ich vorsichtig und bin gleichzeitig froh über die Ablenkung. „Susan macht ihre Sache doch seit Jahren gut.“

„Aber nur, weil ich immer ein Auge auf alles habe“, beharrt Alem.

Draußen hupt das Taxi, er steht auf und lässt einen Rest Rührei auf dem Teller. „Ich muss los.“

Ich gehe ihm hinterher in den Flur, wo seine Geige und sein Koffer schon bereitstehen.

„Du meldest dich“, sage ich und gebe ihm einen Kuss.

„Sicher. Mach dir keine Sorgen.“

Ich schaue ihm nach, wie er mit leichtem Schritt den Koffer über die Einfahrt zieht und für einen kurzen Moment überkommt mich eine vertraute, bleierne Schwäche. So fühlt es sich immer an, wenn er geht: an der Türschwelle wird er irgendwie schwerelos und scheint unsere Beziehung zurück zu lassen wie einen Mantel, der ihm zu warm ist.

***


LESEPROBE ZUM ROMAN „SEPTAKKORD“


JULIA

1

Es hätte schlimmer kommen können, allerdings nicht viel.

Ich sitze an einem Bahnhof im Gebirge irgendwo in Österreich, mit Cello und Gepäck, und soll abgeholt werden. Nichts passiert. Geld habe ich keins mehr, vielleicht noch ein paar Euromünzen in meiner Handtasche. Eigentlich macht das nichts, denn auf dem Festival gibt es die Gage in bar und gekocht wird dort auch für uns. Meine Finanzplanung hat mich in diesem Fall sogar mit Stolz erfüllt, immerhin hat das Geld genau gereicht, um bis hierher zu kommen: an den Bahnhof, wo der Manager des Festivals versprochen hat, mich abzuholen. Er sagte noch vor etwa 20 Minuten, er sei sofort da.

Ich rufe ihn noch einmal an. „Kann es sein, dass wir uns verpasst haben?“, frage ich und versuche, meine Ungeduld zu verbergen.

„Wie bitte?“ Er klingt sehr höflich. „Ich stehe hier vor dem Ausgang, wo bist du denn? Ich sehe niemanden mit einem Cello.“

Verstehe ich nicht. Der Bahnhof ist menschenleer, ich bin die einzige Person weit und breit, erst recht mit Cello. Auf dem Weg hier herauf konnte ich ein paar stillgelegte Skilifte sehen und Schafherden beim Grasen beobachten. Ich hatte mir bereits Sorgen gemacht, ob in dieser Einöde überhaupt Publikum für ein Sommerfestival vorhanden sei.

„Hier ist aber keiner außer mir“, sage ich und laufe einige Schritte in Richtung der menschenleeren Bergstraße. „Ich warte seit zwanzig Minuten, in der Zeit ist niemand hier vorbeigekommen!“

„Aha. Wie siehst du denn aus?“

„Naja… braune Haare, rotes Kleid“, beschreibe ich zögernd.

Wie soll ich mich selbst beschreiben, ohne auf alle Mängel im Detail einzugehen?! Nicht groß genug, aber auch nicht wirklich klein, im Grunde rundlich aber Gott sei Dank mit einigermaßen gut verteilten Kurven, im Moment schlanker als normalerweise, aber das geht leider immer wieder vorbei, im Haar das falsche Haargummi, womit der Zopf immer eine Beule bekommt, die mir nicht gefällt. Ich trage mein rotes Lieblingskleid mit an entscheidender Stelle kaputtem Reißverschluss, weshalb ich mich trotz der Hitze nicht traue, die viel zu warme Strickjacke auszuziehen; und ja, die pinken Schuhe dazu trage ich aus Überzeugung, ich kombiniere gern extreme Farben.

„Beschreib doch bitte mal den Ort, an dem du stehst“, sagt der Manager jetzt, „vor mir ist zum Beispiel eine Sparkasse.“

„Vor mir auch! Links geht es zur Seilbahn und rechts zum Campingplatz.“

Stille.

„Seilbahn? Campingplatz?! Könntest du mir erklären, wie du dorthin gekommen bist, wo auch immer das sein soll?“ Er hat sehr langsam gesprochen, wie ein Richter mit einem wichtigen Kronzeugen. Alles hängt von der nächsten Antwort ab.

Ich werfe einen Blick auf den kleinen, friedlich und verlassen in die Berglandschaft eingebetteten Bahnhof. „Mit der einzigen Möglichkeit, wie man hier herauf kommt – mit der Zillertalbahn!“

Wieder Stille, ziemlich lang diesmal.

Ich höre ein unterdrücktes Prusten. „Das ist jetzt nicht wahr… nicht dein Ernst. Zillertalbahn…“ Jetzt lacht er hemmungslos. „Großartig! Ich würde mal sagen: falsches Land.“

Jetzt ist die Stille auf meiner Seite der Leitung. Falsches Land.

Aschau klingt meiner Meinung nach ziemlich österreichisch. Ich erinnere mich auch noch an den netten Mitarbeiter der Bahn, der mir die Fahrkarte verkauft hat: „Aha, nach Aschau möchten Sie reisen. Im Zillertal?“ Ich hatte da einfach ja gesagt und es mehr für eine indirekte Erklärung gehalten, die Männer gerne mal machen. Aschau liegt also im Zillertal, vielen Dank, wollte ich gar nicht wissen, hatte ich wahrscheinlich gedacht, allerdings eher unbewusst.

Zugegebenermaßen wird mein Orientierungssinn von niemandem in meiner Umgebung besonders geschätzt – es gibt Leute, die fahren automatisch nach links, wenn ich den Eindruck äußere, es ginge vermutlich nach rechts. Sie sind mit dieser Taktik ziemlich erfolgreich. Aber falsches Land?! Das ist ein niederschmetternder neuer Rekord.

Immerhin habe ich meine geographischen Kenntnisse heute extrem erweitert. Es gibt, wie ich jetzt weiß, im deutschsprachigen Raum insgesamt vier verschiedene Orte, die sich Aschau nennen. Das bei München am Chiemsee wäre meins gewesen. Es hätte auch geholfen, wenn mir jemand die genaue Adresse des Festivals vorher mitgeteilt hätte, aber die Einladung kommt nicht direkt vom Festivalmanagement, sondern über einen Freund aus Berlin, dessen schwangere Freundin nicht mitmachen kann – ich bin der händeringend in letzter Minute gefundene Ersatz. Einige Informationen sind in der Eile eben auf der Strecke geblieben.

Dass Aschau 1 von Aschau 2 etwa fünf Stunden entfernt liegt und ich deshalb den ersten Probentag fast vollständig versäumen werde, ist ärgerlich. Viel schwieriger aber ist die Tatsache, dass ich keinen Cent Geld in der Tasche habe und sich auf meinem Konto auch keins mehr befindet. Obwohl ich sicher bin, dass sich dafür eine Lösung finden lässt, fällt mir im Moment keine ein.

Ich beziehe erstmal Stellung auf dem Bahnsteig und warte auf die Zillertalbahn bergab, als meine Mutter anruft.

„Du ahnst nicht, was passiert ist“, sage ich und stelle mir sofort ihr skeptisches Gesicht vor, das sie immer macht, wenn ich ihr etwas erzählen will.

„Oh nein, Julia! Ist was durcheinander geraten…?“, fragt sie gedehnt.

Ich schildere ihr die Situation und meine Mutter ist wie immer wenig verständnisvoll. Sie sieht in mir das falsche Material vererbt: Mein italienischer Vater, der sie mit seinem Chaos in den Wahnsinn trieb, hat sich trotz Scheidung auf unlautere Weise in ihrem Leben verewigt.

„Wie kann so etwas passieren, wieso erkundigst du dich nicht vorher, wo du spielen musst? Warum bekommst du von diesem Freund in Berlin nichts Schriftliches?! Ihr Künstler könnt euer Leben doch nicht immer nur mit Vornamen gestalten!“

Aus ihr spricht die deutsche Lehrerin, ich sehe sie vor mir, im Politikunterricht an der Tafel oder über den Hausaufgaben. Diese Situation ist ein klarer Fall für einen Klassenbucheintrag.

Ich weiß nicht, wie viele Klassenbucheinträge ich inzwischen von meiner Mutter bekommen habe, aber ich finde, sie ist dabei nicht ganz gerecht. Immerhin habe ich nach Abschluss meines Studiums erstmal versucht, die Welt zu retten, als langjährige Amnesty-Aktivistin hätte sie stolz auf mich sein müssen. Fairerweise muss ich sagen: Sie war es auch – aber mit meiner Rückkehr nach Deutschland hat sich ihr Stolz irgendwie verflüchtigt.

Drei Jahre habe ich für eine Stiftung in der Westbank gearbeitet, ich zog nach Ramallah und gab palästinensischen Kindern Musikunterricht. Nach dieser Zeit verließ ich das Land verständigungsverschlissen und desillusioniert. Alles war anders gekommen als in meiner Vorstellung: die politische Lage eskalierte in einer weiteren Gazaoffensive, unsere Organisation kämpfte mit dem lokalen Chaos und ich selbst war unentwirrbar in fruchtlose Liebesdebakel verstrickt. Die Umstände entlarvten meine Vorstellung, dass ich problemlos überall auf der Welt leben könnte, als Illusion. Statt kosmopolitischer Großzügigkeit empfand ich eine mir bis dahin unbekannte Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung.

Nie habe ich mich mit meiner Mutter besser verstanden als in unseren Telefonaten von Ramallah nach Hamburg, vor mir eine Whiskeyflasche und stapelweise schlechte Schokolade. In dieser Zeit erzählte sie mir oft vom ersten Ehejahr mit meinem Vater in Johannesburg. Meine Mutter arbeitete damals für das Büro von Amnesty, mein Vater organisierte zusammen mit afrikanischen Musikern Workshops für Kinder. Es muss ihre beste Zeit miteinander gewesen sein, sie bekommt jedes Mal eine schwärmerische Stimme, wenn sie davon spricht.

Nach drei Jahren in Ramallah musste ich mir eingestehen, dass ich haushoch gescheitert war. Der Weltfrieden war genauso weit entfernt wie vorher, obwohl ich dem angeblichen Herzchakra der Welt all meine Cellotöne für die Verständigung zur Verfügung gestellt hatte. Was im Großen immer wieder eskalierte, schlug sich in unserem Alltag nieder und wir waren machtlos dagegen: Meine begabteste Schülerin wollte nicht im großen Orchester spielen, weil dort auch Israelis mitspielten. Ob wir nicht verstehen würden, dass man so auf falscher Basis Freundschaft mit dem Feind schließe, erklärten mir die empörten Eltern. Gemeinsames Musizieren sei ein Signal für „Normalisation“ und angesichts der Besatzung nicht akzeptabel.

Der Projektleiter in Jenin lehnte die finanzielle Unterstützung von einem israelischen Musiker aus denselben Gründen ab, was vermutlich das Ende des Standorts bedeuten würde. Doch anstatt mit Überzeugungskraft Brücken zu bauen, beschämten mich die Erfahrungen der Palästinenser. Was hatte ich ihnen wirklich entgegenzusetzen? Während sie mit Intifada, Ausgangssperren und Militäraktionen zu kämpfen hatten, feierte ich meine ersten Alkoholerfahrungen auf den sorglosen Orchesterreisen meiner Schulzeit. An Willenskraft waren sie mir haushoch überlegen, allerdings auch an Sturheit. Zwei unserer palästinensischen Musiklehrer sprachen irgendwann nicht mehr miteinander, aus Gründen, die wir nicht entwirren konnten. Es war zum Verzweifeln — selbst zwischen zwei palästinensischen Parteien waren wir nicht in der Lage, Frieden zu stiften. Stattdessen entwickelte sich die Stimmung auch unter uns schleichend, aber unaufhaltsam in ein soziales Minenfeld, weil man sich in dem kleinen Ramallah nahezu nirgendwo aus dem Weg gehen konnte. Es war wie in einem großen, gemeinsamen Big Brother Container — hätten wir über diese Zeit eine Daily Soap gedreht, wären wir bestimmt alle steinreich nach Hause zurückgekehrt.

Als der Pianist, für den ich mich hatte umbringen wollen, anfing, mit meiner belgischen Kollegin zu schlafen, flüchtete ich zurück nach Berlin. Dort begann ich ein freiberufliches Vagabunden-Leben, aber irgendetwas daran war nicht so leichtfüßig, wie es hätte sein sollen. Erst habe ich es nicht so sehr bemerkt, zu erleichtert war ich, wieder im Minirock im Café sitzen und unbehelligt mit den Kellnern flirten zu können. Aber die Sehnsucht nach einer großen Idee kam schnell zurück. Plötzlich waren meine Erinnerungen an Ramallah romantisch: Die neugierigen Augen meiner Schüler, wenn sie zum ersten Mal ein Cello auspackten. Ein zum Klavierstimmer umgeschulter Automechaniker, der sich beim Stimmen in den Tasten verzählte und einen unspielbaren Flügel hinterließ. Die Barbecue-Abende im blutroten Sonnenuntergang, gefolgt von nächtelangen Diskussionen über Freiheit und Gerechtigkeit. Ist das Angebot westlicher Musik in Palästina eine Form von Imperialismus? Was ist dann ehrliche Entwicklungshilfe? Unsere Gespräche waren voller Streitlust und Tatendrang. Im Chaos der Unmöglichkeiten, zwischen ständigen Streiks, geschlossenen Checkpoints und abgelehnten Passierscheinen gab es Kreativität. Jeder neue Tag war eine Überraschung, so viele Gedanken habe ich dort zum ersten Mal gedacht.

Während der Konflikt auch nach meinem Aufenthalt weiter auf seinen absurden Bahnen kreiste, hatte die Zeit in Ramallah zumindest in mir eine Veränderung bewirkt: Ich fühlte einen unüberwindbaren Abstand zu meinen Studienfreunden, die an der Etablierung ihres Lebens bastelten. Sie erspielten sich Stellen in Orchestern, Hochzeitseinladungen und Babyfotos fluteten meinen Briefkasten und ließen mich seltsam teilnahmslos daneben stehen.

Seit Ramallah lebe ich irgendwie halbherzig – ich habe keine Sicherheiten, aber auch kein Herzensprojekt. Mein Liebesleben erinnert ein bisschen an einen stillgelegten Vergnügungspark: überall sieht man noch die Zuckerwatte-Stände, Kettenkarussels, das Riesenrad und diese Steilwände, wo sich eine Art Fahrstuhl mit laut kreischenden Mädels in den Abgrund stürzt. Im Grunde pflege ich das Erbe meiner Mutter: Ich engagiere mich so gut es geht gegen das Unrecht in der Welt und verliebe mich währenddessen in unzuverlässige Männer. Sie würde es nicht gern hören, aber das Kamikaze-Gen in Beziehungen habe ich eindeutig von ihr. Mein Vater hat ihr mehr als einmal stilvoll das Herz gebrochen, bevor sie sich ein letztes Mal von ihm trennte.

Nur beruflich sind wir grundverschieden: Während sie sich seit Jahren an ihrem Gymnasium langweilt, verläuft mein Leben spontan und ungeplant. Ich werde nächstes Jahr vierunddreißig und reise von Auftritt zu Auftritt in alle möglichen Länder, sogar die falschen.

Während ich die Vorwürfe meiner Mutter geübt überhöre, bemerke ich den sonnengebräunten Mann mit Treckingrucksack auf dem Bahnsteig. Er ist während des Gesprächs aufgetaucht, geht jetzt auf und ab und wirkt extrem amüsiert. Irgendwann wird mir klar, dass er sich über mein Telefonat lustig macht – man kann ihm noch nicht mal vorsätzliche Neugier unterstellen, denn auf dem Bahnhof hört man außer mir nur noch vereinzelte Vogelstimmen und einen Gebirgsbach in der Ferne.

Als ich aufgelegt habe, kommt er auf mich zu.

„Entschuldige, aber ich musste einfach zuhören“, sagt er und mustert mich und mein Cello von oben bis unten. „Du bist also im falschen Land ohne Geld.“

Ich kann nur nicken. So ist es.

Er schüttelt lachend den Kopf. „Ich lade dich auf die Fahrkarte ins richtige Aschau ein!“, bietet er an und wendet sich auch schon Richtung Fahrkartenautomat. „Dafür darf ich die Geschichte aber auch überall erzählen!“

Im richtigen Aschau angekommen, erwartet mich das Produktionsteam mit ausgelassener Heiterkeit. Wie es im falschen Aschau sei, wollen sie wissen, und der Dirigent meint, wir hätten alle Glück, dass es kein Aschau in den USA gäbe. Sehr lustig.

Unser Projekt ist eine elektronische Oper, ein Werk aus den sechziger Jahren, das bisher unaufgeführt geblieben ist. Jetzt haben sich unerwartet Sponsoren gefunden, die der Komposition auf die Bühne helfen wollen, das Festival am Bodensee hat nämlich seit dieser Saison einen neuen künstlerischen Leiter, der mit der Tochter des Komponisten liiert ist. Durch diese unschuldige Verbindung eröffnen sich ganz neue Perspektiven für alle Beteiligten.

Wir proben in Aschau, einer der Hauptsponsoren hat seinen Landsitz mit zur Bühne umgebauten Kuhstall zur Verfügung gestellt. Die Besetzung besteht aus einem elektronisch verstärkten Streichquartett, Keyboard und einigen Sängern, dazu kommen Videoinstallationen und Geräusche vom Band. Eigentlich sind für die Koordination zwei Tonmeister vorgesehen, wofür aber das Festivalbudget nicht gereicht hat. Deshalb gibt es nur einen, der zwischen allen Aufgaben restlos überfordert hin und her hetzt.

Unser Verhängnis ist außerdem die selbst gebaute Bühne, die auf einem Sockel balanciert und nur durch Koordination der Sänger gerade schweben kann. Das macht sie leider so gut wie nie, die Sänger fallen stattdessen immer wieder von ihr herunter. Es werden Extraproben für das Bühnenschweben angesetzt.

Bei der Musik handelt es sich um „minimal music“: Einzelne Motive wiederholen sich permanent, mit nur geringfügigen Änderungen, was eine Art psychedelische Atmosphäre erzeugt. Als Spieler verfällt man dabei mit der Zeit in sanft-abwesende Apathie. Dazu kommt, dass wir bei völliger Dunkelheit proben müssen, sonst wären die Videoinstallationen nicht sichtbar. Trotz des schönen Sommerwetters am Chiemsee fühlen wir uns wie im finnischen Winter.

Am Abend des letzten Probentages klingelt mein Telefon, als wir draußen den Sternenhimmel betrachten und die seltene Stille genießen. Es ist Kati, meine Nachbarin aus Berlin. Seit Jahren wohnen wir schon nebeneinander und haben uns mittlerweile angefreundet. Kati hat eine fünfzehnjährige Tochter, die allerdings vor Kurzem zu ihrem Vater nach Tel Aviv gezogen ist. Vermutlich versucht sie mit dieser Aktion, etwas Ähnliches wie eine Pubertät zu erleben – an Katis Seite ist es schwer, gegen irgendetwas zu rebellieren, sie hat durch ihren eigenen Lebenslauf die Messlatte sehr hoch gelegt.

Mit sechzehn wurde sie auf der Straße von einem Fotografen entdeckt, schmiss die Schule und fing an zu modeln. Das Geld von einer Woche Modenschau-Laufen reichte immer für drei Wochen im Marihuana-Rausch auf Bali – in diesem 1:3 Rhythmus verbrachte Kati einige Jahre, bis sie Guy kennenlernte. Sie heiratete und ging mit ihm nach Israel, wo die beiden zusammen ein Strandrestaurant betrieben und ihre Tochter Shira zur Welt kam. Ich habe vergessen, wer wen in welcher Reihenfolge beim Fremdgehen erwischt hat, auf jeden Fall packte Kati irgendwann ihre Sachen, ließ sich scheiden und zog mit ihrer Tochter zurück nach Deutschland. Viele Jahre jonglierte sie als alleinerziehende Mutter Job-, Finanz- und Beziehungskrisen in der Luft, machte Abitur auf der Abendschule und verbrachte ihre Freizeit mit Öko-Aktivisten.

Zu Kati gehört auch die Golden-Retriever-Hündin Abby, auf die ich mal einen Tag aufgepasst habe. Seitdem werde ich nicht mehr gefragt. Abby ging eindeutig mit mir spazieren und nicht umgekehrt, am Ende unseres Ausflugs entwand sie sich mit einer eleganten Bewegung dem Halsband und verschwand. Es folgten qualvolle Stunden, in denen ich die Besitzer jedes Dönerladens im Umkreis von fünf Kilometern kennenlernte.

Abby brachte Kati und mich vor Jahren an irgendeinem Nachmittag im Innenhof zusammen. Sie kam schwanzwedelnd auf mich zu und wirkte verspielt und freundlich, knurrte aber gleichzeitig die ganze Zeit. Verunsichert über die Signalmischung blickte ich zu Kati, die kurz darauf schwungvoll um die Ecke bog. Sie trug eine seltsame Kombination aus indischem Sari, Cowboy-Stilettos und Sophia-Loren-Brille im Haar.

„Die macht nichts!“, rief sie mir von der Treppe aus zu und strahlte mich an.

„Abby ist mit Katzen aufgewachsen, deshalb versucht sie zu schnurren. Wenn sie dich etwas besser kennt, streicht sie dir dabei auch um die Beine. Ist alles lieb gemeint!“

Abby gleicht in dieser Hinsicht ihrer Besitzerin: auch bei Kati ist das meiste lieb gemeint und wird, besonders von Männern, gerne missverstanden. Ich bin chronologische Zeugin ihrer Bekanntschaften und finde es bis heute erstaunlich, wie sie es schafft, die einzigen Männer aus dem Internet zu fischen, die attraktiv, romantisch und ehrlich bindungswillig sind. Trotzdem gehen sie Kati ziemlich bald auf die Nerven und werden dann kompromisslos wieder ausgetauscht. Vorangehend ist meist ein kreativer Liebesbeweis, um den sie die meisten Frauen glühend beneiden würden: Der letzte schickte ihr einen Stein in Herzform von irgendeiner Küste, ein anderer stellte liebevoll eine Rezeptsammlung für sie zusammen. Auch Gedichte über Kati habe ich schon gelesen. Es nützt ihnen alles nichts: Spätestens nach drei Monaten zieht es Kati weiter auf der Suche nach etwas, das sie selbst nicht versteht.

Mit den meisten Freundinnen ende ich irgendwann bei Rotwein, Tränen und mühsamer Analyse eines sperrigen männlichen Charakters. Nicht so mit Kati.

Manchmal sehe ich durch mein Küchenfenster, wie sie zur Mülltonne schreitet, in achtlos zusammengestellter Garderobe und wiegendem Gang. Egal unter welchen Umständen man sie antrifft, sie ist immer beneidenswert mühelos schön.

Inzwischen verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Fotografie und Webdesign, ihre wirkliche Aufmerksamkeit aber gilt der Rettung unseres Planeten – vor allem der Tiere, die auf ihm leben. Erst kürzlich nahm sie eine verletzte Taube bei sich auf, wochenlang widmete sie ihr all ihre Liebe samt sorgfältig ausgewählter Bionahrung. Es wurde die wohlerzogenste Taube von ganz Berlin – fast hätte sie gelernt, mit Messer und Gabel zu essen.

Allen vierpfotigen, fliegenden oder kriechenden Lebewesen ist Katis Mitgefühl sicher, sie lebt mit Haut und Haaren vegan. Seit Neuestem rettet Kati auch Lebensmittel. Sie fährt am Wochenende zu Bio- und Supermärkten, sammelt übrig gebliebenes Essen ein und verteilt es unter Freunden und Nachbarn, um es auf diese Weise vor dem Wegschmeißen zu bewahren.

„Julia, sag mal, wer ist denn das ältere Ehepaar, das gerade in deiner Wohnung wohnt?“, fragt Kati jetzt am Telefon und mir bleibt einen Augenblick die Luft weg.

„Ehepaar??“

„Sie sind heute angekommen und haben angeblich den Kellerschlüssel vergessen. Ich finde das irgendwie komisch. Was wollen die denn in deinem Keller?“

Herrje… es kann sich nur um meine Vermieter aus dem bayrischen Wald handeln. Da ich so oft unterwegs bin, hatten sie mich gefragt, ob sie während meiner Abwesenheit vielleicht ihren Berlinurlaub in meiner bzw. ihrer Wohnung machen könnten.

Überhaupt kein Problem, hatte ich gesagt – wohl wissend, dass man als unregelmäßig zahlende Mieterin wenig Möglichkeiten hat, in dieser Situation nein zu sagen.

Meine ahnungslosen, geduldigen Vermieter sind mit meinem Einzug ungefragt ins Künstlersponsoring verwickelt worden. Sie hätten es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass irgendwann eine finanzschwache Cellistin statt der Miete E-mails mit den Fotos vom letzten Engagement an sie schickt, auf dessen Gage sie immer noch wartet.

Mit der Terminabsprache für ihren Urlaub ist aber jetzt etwas schiefgelaufen, denn in ein paar Tagen bin ich schon wieder zurück in Berlin.

„Du kannst für ein paar Tage zu uns ziehen“, schlägt Kati vor, als ich ihr die Situation erkläre. „Ich habe übrigens jemand kennengelernt…“

Ach, sind schon wieder drei Monate vorbei? Hatte mich gerade an Karsten, den Bauzeichner, gewöhnt.

„Erzähl mir das, wenn ich wieder da bin“, wehre ich ab.

„Nicht im Netz. Beim Lebensmittelretten! Christian…“ Sie klingt schwärmerisch.

„Aha..?“

„Er ist Fotograf und begleitet soziale Projekte auf der ganzen Welt. Gerade macht er Fotos für das Flüchtlingsprojekt Cucula – die stellen Möbel aus dem Holz der gestrandeten Boote in Lampedusa her.“

„Kenne ich nicht …“

„Eine phantastische Idee! Die Möbel werden nach einem Modell von Enzo Mari gebaut. Dabei lernen die Flüchtlinge das Handwerk, dann werden die Möbel verkauft und vom Gewinn Ausbildungsmöglichkeiten finanziert … Wir müssen da unbedingt mal vorbeigehen.“

Katis Begeisterung ist ansteckend, so habe ich sie lange nicht erlebt. Ich beginne mich auf meine Rückkehr nach Berlin zu freuen.

Die Festivalpremiere wird ein voller Erfolg, allerdings hat in letzter Minute noch der entnervte Tonmeister gekündigt und muss durch einen neuen ersetzt werden. Das bedeutet zusätzliche Proben, natürlich unbezahlt, aber irgendwie überstehen wir das und halten bis zur Aufführung zusammen.

Tags darauf sitze ich nach der ausufernden Abschiedsparty übernächtigt im Zug nach Berlin – einer Stadt, von der ich genau weiß, in welchem Land sie liegt. Leider hat es die Gage am Ende doch nicht in bar gegeben. Irgendetwas ist dazwischengekommen, ich habe mir aber einen geheimen, individuellen Vorschuss auszahlen lassen.

Zu Hause finde ich von Kati nur einen Zettel an meiner Tür: „Bin mit Christian unterwegs, er fotografiert bei einem Cucula-Workshop.“

Ich hoffe, Kati ist bei diesem Workshop nicht aktiv am Möbelbau beteiligt. Soweit ich mich erinnern kann, ist sie schon am Zusammensetzen ihres Küchenmixers gescheitert.

Meine Vermieter haben sich in meiner Wohnung häuslich eingerichtet und sogar ein paar Dinge repariert. Ich erzähle ihnen von meinem Engagement in möglichst schillernden Farben, unterstützt durch Szenefotos auf meinem Telefon und hoffe, dass sie beeindruckt genug sind, um auf die nächste Miete eine Weile zu warten.

Vor mir liegt in den nächsten Tagen ein letzter Auftritt vor der großen Südamerikatournee, auf die ich mich seit Beginn des Jahres freue. Es ist die Vernissage im neu eröffneten Konsumtempel in Mitte.

***

Umringt von Modeketten, Lifestyle-Geschäften und einem überdimensionalen Food Department bietet das Loft ein New-York-vergleichbares Ambiente: hohe Decken, offen liegende Silberrohre und freies Mauerwerk sind Hintergrund für die ausgestellten Kunstwerke, in der Mitte des Raums steht ein Flügel. Es ist nicht irgendein Flügel, er wurde eigens für diese Vernissage präpariert, genauer gesagt, umgestimmt. Auf einen Ton. Egal, welche Taste man jetzt anschlägt, es erklingt genau derselbe Ton. Das Umarbeiten des Instruments hat ein ganzes Jahr gedauert, Unsummen verschlungen, Experten beschäftigt und ist irreversibel. Mit anderen Worten, der Flügel ist ab jetzt für normale Konzerte mit unterschiedlichen Tönen nicht mehr einsetzbar.

Elias, Urheber der Installation, steht stolz neben dem Instrument und erklärt sein Konzept gerade einer Asiatin. Sie balanciert auf durchsichtigen Plateauschuhen, trägt trotz des künstlichen Lichts eine Sonnenbrille und hat einen riesigen, müden Hund an der Leine. Ich schaue mich nach der Pianistin um, mit der ich zusammen auftreten soll. Auch ich darf nur einen einzigen Ton spielen, wobei ich vergessen habe zu fragen, ob es derselbe sein muss, den auch das Klavier spielt.

Auf einer Party hat mir unlängst ein Jurist erklärt, in Großkanzleien würden Leute arbeiten, die nur auf einen einzigen Paragraphen spezialisiert sind. Bedenkt man das Honorar, das sie dafür bekommen, scheint das kein schlechter Ansatz zu sein. Als Künstler strebt man eher nach Vielseitigkeit, was sich finanziell selten positiv auswirkt. Ich wäre bereit, jetzt umzudenken und mich auf ein Alleinstellungsmerkmal zu konzentrieren. Warum nicht auf einen Ton? Der Flügel ist auf e gestimmt, gegen den Ton habe ich im Prinzip nichts.

Die Pianistin ist jetzt da und wir beginnen mit der Sonate von Chopin. Unser Spiel orientiert sich genau an den Noten; Rhythmus, Lautstärke und Verlauf erklingen genau wie beim Original, man hört eben alles nur auf einem Ton.

Das erinnert mich an eine fiktive New Yorker Künstlerin, von der lange geglaubt wurde, dass sie tatsächlich existiert: Ihre Kunst war unsichtbar, bei den Ausstellungen sah man nichts als angeleuchtete weiße Wände. Eine Vernissage geriet besonders in die Schlagzeilen, als sie behauptet hat, ein wichtiges Exponat sei gestohlen worden.

Um uns herum hat sich eine Gruppe von Zuhörern gebildet, nach drei Stücken beenden wir den Auftritt, die Pianistin ist noch für eine weitere Stunde Hintergrundmusik gebucht.

Ich sehe mir die Exponate an, währenddessen hört man überall im Raum penetrant den Ton e; laut, leise, hoch und tief. Irgendwie passt es zur Atmosphäre, oder die Atmosphäre wird durch das e erst passend. Ratlos betrachte ich einen Plexiglaskasten mit durchgebrannten Glühbirnen, aus dem abgerissene Kabelenden herunterhängen. Es erinnert entfernt an eine überdimensionale Ostseequalle. Ein paar Schritte weiter gibt es ein Objekt aus zerbrochenem Porzellan. Die Scherben sind nach einem unsichtbaren System geordnet, das sich mir auch bei intensivem Bemühen nicht erschließen will.

„Julia, was für eine Überraschung!“

Ich drehe mich um und jemand fällt mir um den Hals. Nina! Meine beste Freundin, Lieblingskollegin und Trinkgefährtin. Nina ist Geigerin, ein Engagement während der Studienzeit hat uns zusammengebracht. Wir spielten Don Juan für einen Film ein, der zur Hälfte aus Kriegsszenen bestand, angeblich in kritischem Kontext. Nina sah das anders. In Windeseile hatte sie genügend andere angestiftet, Widerstand zu leisten; niemand würde ihr so etwas zutrauen, mit ihrer schmalen Silhouette und hellblonden Haaren vermutet man sie eher auf einer Charity-Veranstaltung oder in einem Jane-Austen-Film. Sie informierte umgehend ihre letzte Barbekanntschaft, einen Berliner Kulturredakteur; daraufhin bekam die Produktionsfirma eine Reihe unvorhergesehener Probleme. Leider rief dieser Kontakt auch den Unmut ihres hitzigen, persischen Liebhabers hervor. Er begann, ihr nachzuspionieren und aufzulauern, bis sie schließlich für eine Weile bei mir untertauchen musste. Seit dieser Zeit sind wir unzertrennlich.

Begeistert umarme ich sie und sehe hinter ihr Jannis auftauchen, ein Komponist aus Athen. Mit ihm ist sie seit einiger Zeit zusammen und nicht zusammen. Keiner weiß es genau, die beiden auch nicht, aber davon lassen wir uns bei unseren Streifzügen durch das nächtliche Berlin nicht stören.

Nina und Jannis haben auch schon Pläne für den Abend gemacht. Sie wollen ins Theater, es läuft „Psychose“ von Sarah Kane an der Schaubühne. Vorher muss ich nur noch meine großzügige Gage abholen, die es heute tatsächlich in bar gibt.

Falls es einen musikalischen Gott für die Bezahlung von Auftritten gibt, muss er im Casino seines Himmels viel Spaß damit haben – seine Entscheidungen gleichen jedenfalls dem Gewinnverlauf eines Rouletteabends. Variationen über „Happy Birthday“ bei einer Banker-Gala können die Monatskosten decken, anspruchsvolle Konzerte mit endlosen Proben haben dagegen manchmal die Gewinnspanne eines Ein-Euro-Jobs. Man sagt Musikern nach, sie hätten kein Verhältnis zum Geld. Wie sollten sie es auch entwickeln? Morgen kann das Telefon klingeln, und ich verdiene am selben Abend eine vierstellige Summe. Man kann aber auch bei einer Produktion sechs Wochen mitmachen, auf das Geld drei Monate warten und am Ende erfahren, dass der Veranstalter pleite gegangen ist. Heute ist Gott sei Dank ein positiv-absurder Tag, ich bekomme für die drei Einton-Stücke einen geradezu phantastischen Betrag. Die Scheine in meiner Jackentasche zusammengerollt, verabschiede ich mich von Elias.

„Psychose“ von Sarah Kane ist ein Schock nach der Leichtigkeit in der Galerie. Das Psychodrama entfaltet sich mit Wucht, ohne Stoßdämpfer – ein Kampf gegen innere Dämonen, Psychopharmaka und Suizid, von dem man weiß, dass ihn die Autorin kurz nach Beendigung ihres Stücks begangen hat. Bei dunkel-diffusem Licht und beklemmenden Monologen sitzen wir da, alle drei verunsichert durch die gefühlte Nähe zur Hauptfigur. Sie wirkt erschreckend normal in ihrer Psychose und hat nur allzu bekannte Gefühle. Was meint dann „verrückt“, sind wir alle verrückt, ist die Verrücktheit Teil der menschlichen Psyche, die nur darauf wartet, hervorgelockt zu werden? Was ist im Vergleich dazu normal? Nichts ist sicher, auch in uns selbst ist es unsicherer, als wir es wahrhaben wollen.

Eine gute Stunde später stehen wir im schönsten Abendrot auf dem Kurfürstendamm und machen uns auf den Weg in die gute alte Paris Bar. Schweigend sitzen wir dort bei Crémant in der lauen Sommerluft, gelegentlich wehen Gesprächsfetzen vom Nachbartisch zu uns herüber.

„…mein Mann kann jetzt einen Schwan!“, verkündet die Dame in Glitzer rechts von uns und deutet mit ihrem Löffel auf den Cappuccino-Milchschaum.

Ihre Begleitung schaut beeindruckt. „Einen Schwan…?“

„Er macht Coffee-Art-Classes! Erstmal lernt man ein Herz oder ein Blatt“, erklärt die Glitzernde. „Das ist eine Wissenschaft! Wusstest du, dass der beste Tamper aus Ebenholz ist?“

Wir werfen uns vielsagende Blicke zu, unsere Gedanken kreisen um das Erlebte im Theater. Nina liest gerade den Überlebensbericht von Victor Frankl nach drei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern und findet das den größtmöglichen Gegensatz zu Sarah Kane. Wenn das Überleben in Gefahr ist, scheint die Psyche besonders widerstandsfähig zu sein. Ich habe ähnliche Gedanken schon einmal mit einer brasilianischen Sängerin ausgetauscht; sie kam aus einem Armenviertel in Belo Horizonte und hatte eins der begehrten Stipendien für Europa bekommen. Die meisten Probleme der europäischen Studenten fand sie amüsant. Sie erzählte mir von ihrem Vater, für den es eine Sensation war, ein Auto mit Klimaanlage zu kaufen, damit die Fenster beim Fahren geschlossen bleiben konnten – ein geöffnetes Fenster lädt zu Überfällen ein, die im Glücksfall nur Geld oder Schmuck, bei Pech das gesamte Auto und manchmal sogar das Leben kosten können. In ihrem Viertel war eine Messerstecherei mit tödlichem Ausgang keine Besonderheit, in regelmäßigen Abständen wurden Menschen gekidnappt, überfallen und ausgeraubt. An Selbstmord würde niemand denken, sagte sie, im Gegenteil – jeder sei froh, am Leben zu bleiben.

„Wie geht es eigentlich Kati?“, will Nina wissen.

„Ich habe den Eindruck, sehr gut…“, sage ich.

„Wäre ist nicht langsam wieder Zeit für einen Männerwechsel?“ Nina zwinkert mir zu. „Ich finde diesen Karsten aber ganz attraktiv…“

„Den hat sie nicht mehr – er wäre also jetzt wieder frei“, lächle ich mit einem Seitenblick auf Jannis.

„Soll sich vorstellen, vielleicht können wir beide was mit ihm anfangen“, erwidert er ungerührt und gibt Nina einen Kuss.

„Katis neueste Errungenschaft ist ein Fotograf, der Projekte mit Flüchtlingen dokumentiert. Gerade recherchiert er über Cucula, sie stellen Möbel her… Habt ihr davon gehört?“, frage ich.

Jannis nickt. „Die hatten ihre Werkstatt bei mir um die Ecke, leider hat es da einen Brand gegeben… Sie suchen gerade nach einem neuen Ort. Der Designer ist ein Freund von mir. Viele Künstler werben als Botschafter für das Projekt – es gibt z.B. einen Werbefilm der Schaubühne, da sieht man Lars Eidinger auf so einem Stuhl aus Lampedusa-Holz!“

„Vielleicht können die Europäer gerade von den Flüchtlingen lernen“, überlege ich. „Sie kommen unter lebensbedrohlichen Umständen hierher, lassen alles zurück und müssen offen sein für ein völlig anderes Leben…“

„Es gibt in Berlin viele Ideen zur Integration. Wenn man in Kreuzberg wohnt, kriegt man das automatisch mit – hier im etablierten Charlottenburg natürlich weniger“, Jannis wirft mir einen provozierenden Blick zu.

„Das ist nicht wahr, Kati hat mir gerade von der Initiative ‚Über den Tellerrand gekocht‘ erzählt“, sage ich und winke dem Kellner für eine weitere Runde Crémant. „Das sind Kochkurse von Flüchtlingen mit Gerichten aus ihrer Heimat: erst wird gekocht, danach isst man zusammen und lernt sich kennen.“

Nina zieht die Augenbrauen hoch. „Das klingt interessant. Lasst uns da mal hingehen!“

„Unbedingt“, lächelt Jannis, „da gibt es bestimmt haufenweise junge Männer, die dir gefallen werden!“

Nina lehnt sich an ihn und seufzt. „Ich kann wirklich empfehlen, mit einem Mann auszugehen, der die erotische Zukunft im Auge behält!“

Jannis nimmt ihre Hand. „Ihr meint also, das Leben braucht Bedrohung, um es zu schätzen“, kommt er auf den Beginn unserer Unterhaltung zurück.

„Ja, genau – eine Beziehung wahrscheinlich auch“, lächelt Nina und entzieht ihm ihre Hand.

Ich beobachte die beiden nachdenklich. In Jannis bin ich eine Zeitlang nicht unverliebt gewesen, bevor er mit Nina zusammen- oder nicht zusammenkam. Passiert ist aber nie etwas. Ich finde zwar, es hat mindestens zwei Abende gegeben, an denen eine gewisse Brisanz zwischen uns schwelte, aber Jannis’ Meinung dazu kenne ich nicht.

Nina und ich unterscheiden vier Stadien von Liebe:

  1. nicht unverliebt
  2. ziemlich involviert
  3. Potential für die große Liebe
  4. noch nicht ausgeliebt

Der großen Liebe selbst verleihen wir maximale Aufmerksamkeit durch Nichterwähnung. Wenn man das Partygespräch sein will, soll man ja auch am besten gar nicht erst zur Party hingehen. Manchmal, sehr spät und nach sehr viel Wein, philosophieren wir dann doch über sie: über die Sehnsucht nach dieser einen schicksalhaften Begegnung, die das gesamte Leben prägt. Wir diskutieren über Sartre und Simone de Beauvoir, Maria Callas und Onassis oder Christo und Jean-Claude. Wir suchen nach dem Besonderen, einem emotionalen Erdrutsch, drunter machen wir es nicht. Dann analysieren wir wieder nächtelang unser Verheddern in „noch nicht ausgeliebt“ – ein Phänomen, das sich gerne auch zeitgleich in verschiedenen Begegnungen abspielt.

Mittlerweile hat sich der Alkohol etwas ausgebreitet und wir kommen mit dem Nebentisch links ins Gespräch. Das schwule Pärchen in maßgeschneiderten Anzügen ist wie wir im fortgeschrittenen Trinkstadium angekommen und beschäftigt sich gerade mit einem der Wandkunstwerke.

„Harry, das ist reine Provokation, das könnte ich auch!“, sagt der Dunkelhaarige, er sieht aus wie eine Reinkarnation des jungen Alain Delon. Es geht um die unmissverständlich dargestellten Geschlechtsteile einer Frau in Kreide auf Schiefer.

„Klar könntest du das! If you think you can or you think you can’t, you’re right!“, lacht der andere und streicht sich über den glattrasierten Kopf. Vielleicht würde er an Ben Kinsley erinnern, wenn man sich die überdimensionale schwarze Brille wegdenkt.

„Wer hat das gesagt?“

„Obama?“, mutmaßt Alain Delon.

„Nee. Aber nah dran… Henry Ford. Immerhin stimmte das Land.“ Ben Kingsley nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas und knallt es leer wieder auf die Tischdecke.

„I’m so clever that sometimes I don’t understand a single word of what I’m saying“, mischt sich Jannis ins Gespräch und blickt dem bebrillten Ben lauernd ins Gesicht. „Wer hat das gesagt?“

Ben wendet sich ihm zu. „Hey, du siehst gut aus“, sagt er und bekommt einen Schluckauf.

Alain klopft ihm auf den Arm. „Lass das, du siehst doch, der ist mit zwei Frauen hier…“

„Oscar Wilde“, lächelt Jannis. „Sagt mal, wo kann man jetzt noch hingehen, wisst ihr irgendwas Gutes hier in der Nähe?“

Die beiden erzählen von einer Bar in den Nebenstraßen beim Savignyplatz. Nur durch einen Klingelknopf an der Außenwand erkennbar, wird sie von einem launischen Türsteher bewacht. Die Cocktails sind Eigenkreationen und angeblich in Qualität und Geschmack unvergesslich. Wir beschließen, unser Glück zu versuchen, und sitzen wenig später in einer Art Wohnzimmer mit Tresen, fensterlos und dämmrig, aus einem alten Grammophon tönt knisternde Jazzmusik. Nina beflirtet den Barkeeper und kommt dann mit einem Cocktail in der Hand zu unserem Tisch. Was genau hinein gemixt wurde, ist ein Geheimnis. Nach nur wenigen Schlucken ist klar: Die Wirkung dieses Drinks wird mit Sicherheit nicht so bald in Vergessenheit geraten. Das Zimmer beginnt leicht zu schweben.

Nina beugt sich zu uns.

„Auf diesen Abend!“ Sie hebt das Glas und trinkt einen großen Schluck, dann reicht sie das Glas herum. „Auf die Psychose!“, trinken wir einvernehmlich, dann auf das Leben und auf den Tod. Nina schaut übermütig zu mir. „Ich will dich jetzt unbedingt küssen!“ Schon beugt sie sich zu mir und wir küssen uns tatsächlich, lange und ausgiebig, der Lippenstift verschmiert auf unseren Gesichtern, alles verschwimmt.

Nina fasst Jannis und mich an der Hand. „Jetzt ihr, ihr müsst euch auch küssen!“

Ohne zu überlegen tun wir es, und dann küssen sich Nina und Jannis, und dann versuchen wir, uns alle drei gleichzeitig zu küssen, was aber nicht geht; wir holen zwei neue Cocktails, küssen uns abwechselnd, im Hintergrund spielt Thelonious Monk, das Zimmer beginnt mit einer langsamen, unaufhaltsamen Rotation.

Ich weiß nicht mehr, ob wir selber entschieden haben, den Abend an einem anderen Ort fortzusetzen, oder ob der Barkeeper das für uns entschieden hat. Beim Rausgehen höre ich Stimmen hinter uns. „Muss Liebe schön sein“, sagt die eine, und eine andere: „Das waren doch drei, oder?“ Wir steigen zusammen in ein Taxi.

Meine nächste Erinnerung habe ich an den Moment des Aufwachens am Mittag. Ich stelle fest, dass ich offensichtlich sitzend auf meinem Sofa eingeschlafen bin, Jacke und Schuhe von gestern trage ich noch. Es ist mir vollkommen entfallen, wie ich aus dem Taxi in meine Wohnung gelangt bin. Alles nach dem Verlassen der Bar ist mir entfallen.

Das Telefonklingeln in meiner Handtasche durchdringt meinen Koma-ähnlichen Zustand, Nina will wissen, ob ich gestern gut in meiner Wohnung gelandet bin.

Das Gespräch mit ihr ist fast ein bisschen verliebt. Wir lassen uns sanft und wehmütig zusammen in den Tag gleiten, in einen weiteren Tag auf der Suche nach Freiheit, Sinn in der Musik und Geld für die Miete. Niemand versteht uns, aber das ist uns egal. Soll die Welt doch weiter strampeln.

Ein paar Stunden später, auf der Suche nach Kopfschmerztabletten, fällt mir eine alte Postkarte in die Hände. Auf einem wehenden weißen Vorhang vor nächtlicher Kulisse ist ein japanisches Haiku-Gedicht abgedruckt. Während ich noch überlege, von wem ich diese Postkarte habe, bin ich für einen Moment wieder in der Bar von gestern, schwebend und küssend.

Komm, lass uns gehen
Schnee schauen, Sake trinken
Taumeln wie Flocken
-Basho-


SARAH, LONDON

1

Es ist typisch für sie.

Irgendwie ist es passiert, und jetzt sollen alle helfen. Was heißt alle, ich soll helfen. Vor mir am Küchentisch sitzt Rachel, ihre Hand umfasst eine Zigarettenschachtel, mit der sie nervös auf den Tisch klopft. Die Stille zwischen uns wiegt so schwer wie vierunddreißig Jahre Schwesternschaft.

„Es kann nicht dein Ernst sein.“

Rachel verzieht den Mund. „Wenn es nach mir ginge, wäre es ein schlechter Scherz“, sagt sie und wirft die Zigarettenschachtel mit einem wütenden Schwung gegen die Wand. „Verdammt, ich will rauchen!“

„Wie ist es passiert?“, frage ich und ihr Blick trifft mich mit Verachtung.

„Ich erinnere mich nicht genau! Wir waren alle vollkommen high… eigentlich wollte ich auf dieser Party mit ihm Schluss machen!“

„Dafür hast du ja jetzt die besten Voraussetzungen geschaffen“, höre ich mich sagen und spüre die Spannung in meinem Magen wie eine Krake, die sich mit all ihren Tentakeln an der Wand festsaugt. Ich kann es nicht fassen. Es würde alles für mich sein und ihr bedeutet es nichts, rein gar nichts.

Rachels Gesicht nimmt einen trotzigen Ausdruck an. „Ich will das Kind nicht und werde es ihm nicht sagen! Das Ganze ist eine Katastrophe für mein Leben!“ Ihre Stimme bricht. „Ausgerechnet jetzt… Die Dreharbeiten fangen in sechs Monaten an… Bis dahin kann jeder sehen, dass ich schwanger bin! Aber ich werde diese Rolle nicht opfern – nicht für ihn, das mit uns hatte nie eine Zukunft!“

Als wenn je etwas Zukunft gehabt hätte in ihrem Mikadostapel angehäufter Beziehungen. Was heißt Beziehungen, Bagatellen trifft es besser. Wie komme ich auf Bagatellen? Ach ja, Alem übt gerade welche von Ari, eigens für ihn komponiert. Für mich wurde noch nichts komponiert, aber ich bin auch nur die Ehefrau eines bekannten Künstlers, immerhin wird denen in Preisreden immer für das Lebenswerk gedankt… natürlich nicht für ihr eigenes, sondern für die Unterstützung des Lebenswerks ihres Mannes. Da muss ich wohl noch eine Weile warten.

Rachel hebt die Zigarettenpackung auf, zündet sich mit fahrigen Fingern eine an und blickt dabei zu Boden. Ich stemme mich gegen den Impuls, ihr die Zigarette aus der Hand zu schlagen. Als sie mich wieder ansieht, läuft eine Träne über ihr Gesicht. „Ich brauche Geld, Sarah“, sagt sie leise. „Ich kann nicht zu Papa gehen, das weißt du…Er darf es nie erfahren… und Maman erst recht nicht.“

Natürlich nicht. Es gibt Dinge, da spiele ich eindeutig die Hauptrolle in unserer Familie. Wenn es um Stillschweigen, Verständnis oder Geduld geht – habe ich alles, im Grunde sogar gern. Jeder verlässt sich auf mich. Eigentlich ein schönes Gefühl…

Vor mir sitzt meine weinende kleine Schwester, sinnlich und verloren, mit ihren vollen Lippen und Kurven. Aus diesen Kurven ist mittlerweile mindestens die Hälfte der männlichen Bevölkerung aus Muswell Hill geflogen. Kurvig wäre auch eine passende Umschreibung ihres Lebenswandels und ihrer Karriere als Schauspielerin.

Manchmal sehe ich Bilder vor mir, Rachel und mich in Sommerkleidern und Zöpfen, Hand in Hand bei Mamans Geigenvorspielen oder bei den Empfängen in Papas Hotel, als wir uns zum ersten Mal schminken durften.

Bei der Einweihung des Hotels war Rachel gerade dreizehn geworden, sie machte an dem Tag ein großes Geheimnis um ihr Outfit. Stundenlang tauchte sie nicht auf, Maman begann sich ernsthaft zu sorgen, bis eine Dame sie ansprach, ob es möglich sei, Nicola Benedetti zu einem kleinen Auftritt zu überreden. Maman sah aus den Augenwinkeln neben der Champagnerbar eine Frau in ihrem Konzertkleid samt Pelzstola. Rachel hatte dazu eine riesige Sonnenbrille und einen Hut kombiniert, sie lächelte strahlend nach allen Seiten und schien Glückwünsche entgegenzunehmen – vermutlich für den von Nicola Benedetti zu der Zeit errungenen Classical Brit Award. Die Ähnlichkeit war ebenso verblüffend wie die Idee ihrer Verkleidung, ganz offensichtlich war ihr Mamans tagelange Schwärmerei über die Geigerin zu weit gegangen.

Auch mich verletzte damals Mamans Schwärmen, aber ich hatte mich schon damit abgefunden – meine gesamte Kindheit bestand aus Geigenwettbewerben und deren Siegerinnen. Jedes Mal aufs Neue gewann eine Andere ihre Aufmerksamkeit und bekam diesen bewundernden Blick, nach dem ich mich vergeblich sehnte. Vielleicht habe ich mich deshalb den Zahlen verschrieben; Zahlen und Fakten statt Klänge und Gefühle.

So vieles ist seitdem passiert: mein Business-Studium in London, Rachel ging nach New York, meine Jahre im George V Hotel in Paris und Damien, meine erste große Liebe, oder was ich damals dafür hielt. Mein Einstieg in Papas Hotel fiel mit Rachels umjubelten Debut als Ophelia im National Theater zusammen. Sie begann eine Affäre mit dem Intendanten, dessen Frau ziemlich schnell dahinterkam und dafür sorgte, dass es dort ihr einziger Auftritt blieb. Wenig später gelang ihr der erste große Kinoerfolg. Auf eine glänzende Phase des Ruhms folgten eine Reihe gescheiterter Filmprojekte. Liebesdramen, Parties und Drogen wechselten sich ab mit Phasen der Selbstfindung und Askese. Wie oft habe ich ihr Geld geliehen und es nie zurückbekommen, Maman und Papa nichts gesagt und versucht, sie zu verstehen.

Diese Unbekümmertheit, mit der sie sich jetzt an mich wendet! Fahrlässigkeit ist mein freundlichstes Urteil, viel tiefer geht mein Groll. Hier sitzt meine Schwester und ist schwanger, absichtslos und ungewollt, und kommt mit dem Plan abzutreiben zu mir. Zu mir! Wo ich seit Jahren versuche, ein Kind zu bekommen und Alem davon zu begeistern. Ich muss fairerweise zugeben, dass er nicht dagegen ist – er sagt immer, er würde sich unglaublich für mich freuen, wenn es klappt. Ich finde, das klingt ein bisschen so, als ginge es ihn nichts an, aber Maman meint, in dem Punkt wäre ich überempfindlich. Das ist grundsätzlich ihre Ansicht, wenn es ihr mit mir zu schwierig wird.

Ich versuche, mich wieder auf Rachel und ihre Sorgen zu konzentrieren, aber der Stachel bleibt. Für sie bedeutet ein Kind unlösbare Probleme, für uns dagegen wäre es die Erfüllung. Alem hätte endlich einen Grund, mit dem Reisen aufzuhören und wir würden für unser Kind ein zu Hause sein, gemeinsam unersetzlich. Im Moment muss ich mich noch mit den Hotelgästen zufriedengeben, denen ich im Hemingway ein vorübergehendes zu Hause erschaffe, oder besser gesagt, die perfekte Illusion davon. Aber ich will nicht für den Rest meines Lebens Preise für die beste Kulisse bekommen, ich will ein selbst gemachtes, eigenes Nest ganz für uns allein.

„Du musst mit Adam reden“, sage ich und weiß genau, dass sie es nicht tun wird.

„Nein“, sagt sie sofort und bläst den Rauch mit einem energischen Stoß in die Luft, „auf gar keinen Fall. Er wird sich einmischen, mich überreden… Ich kann das jetzt nicht ertragen!“ Sie kramt in ihrer Handtasche nach einem Spiegel und kontrolliert ihr Make-up.

„Sarah, bitte“, sie greift nach meiner Hand und ich zucke zurück. „Du musst mir das Geld doch nur leihen. Sobald ich den Film abgedreht habe, kann ich es dir zurückzahlen!“

In diesem Moment hören wir ein Schlüsselgeräusch an der Tür, Alem kommt vom Sport nach Hause. Seine schwarzen Locken tauchen auf, als er den Kopf zur Tür hereinsteckt, die Haare noch nass von der Dusche, wie immer hat er keine Geduld gehabt, sie zu trocknen.

„Hallo zusammen, ich will nicht stören“, sagt er, zwinkert Rachel kurz zu und macht ein Siegeszeichen in meine Richtung. „Doppeltes Tabata-Training geschafft!“

„Du bist ein Held“, sage ich, schaue hinter seinem Rücken zu Rachel und verdrehe die Augen. Wenigstens gegen sich selbst muss Alem einmal am Tag gewinnen, sonst ist er nicht zufrieden. Er geht zum Kühlschrank und schaut suchend hinein. „Was ist das denn?!“, fragt er angeekelt und hält ein Einmachglas in die Luft.

„Rote-Beete-Gelee aus hochwertiger Gelatine von grasgefütterten Rindern. Wir müssen mehr Collagen essen!“

Rachel schüttelt den Kopf. „Wann machst du so was immer? Schläfst du auch mal?“

Alem wühlt polternd im Kühlschrank.

„Birne-Rosmarin, Granatapfel-Fenchel…“ Er kommt mit dem Kopf wieder heraus. „Gibt es auch irgendwo eine normale Cola?“

„Die liegt weiter unten, lass meine Säfte in Ruhe!“, rufe ich. „Ich mache ab morgen eine Detox-Kur, da sind sie mein einziger Lichtblick.“

Rachel schüttelt den Kopf. „Jetzt geht das wieder los. Du bist doch eher zu dünn als zu dick“, sagt sie und mustert mich von oben bis unten.

„Ich halte mein Gewicht seit ich 16 bin, und das soll auch so bleiben“, sage ich entschlossen. „Alem, es gibt noch Blumenkohlpürree, wenn du magst, ich kann dir auch später Hähnchenfilets dazu braten.“

„Du mit deinem Paleo-Tick“, Rachel lacht. „Ein Wunder, dass im Hemingway überhaupt noch Brot erlaubt ist.“

„Es gibt jedenfalls endlich einen Paleo-Tisch am Frühstücksbuffet! Dir würde es übrigens auch gut tun, dich so zu ernähren, besonders jetzt!“ Ich werfe ihr einen bedeutsamen Blick zu und Rachel schüttelt unmerklich den Kopf.

Alem lässt am Kühlschrank einen Haufen Eiswürfel in sein Glas purzeln.

„Colin kommt gleich zum Proben“, sagt er. „Es wird sicher spät, wir haben nur noch zwei Tage bis zum Konzert. Ich muss üben!“ Er geht an uns vorbei zur Tür hinaus.

Rachel wirft Feuerzeug und Zigarettenschachtel in ihre Handtasche und steht auf.

„Sag ihm nichts, bitte!“ Sie wirft mir einen flehenden Blick zu. „Zu niemandem ein Wort! Du bist die einzige, mit der ich darüber reden kann, Schwesterherz.“

Sie schlingt sich ihre Wollstola um die Schultern, bleibt in der Bewegung irgendwie hängen und schaut ins Leere. Beim Zuschauen bekomme ich dieses vertraute Gefühl, für das ich sie gleichzeitig hasse und liebe: Irgendwie verbreitet sich in der Küche eine Atmosphäre wie in einem tragischen Schwarzweißfilm, plötzlich sind wir auch ein bisschen in einer verrauchten Bar oder an einem verlassenen Flugterminal. Das hat Rachel mit Alem gemeinsam, man fühlt ihre Anwesenheit so intensiv, dass man alles andere darüber vergisst, vor allem sich selbst. Vielleicht hätte sie ihn heiraten sollen, er würde ihren Plänen bestimmt nicht im Wege stehen.

Ich höre, wie Alem sein Instrument stimmt. Die Geige hat er erst seit kurzer Zeit, eine Guarneri – mit ihrem Klang ist er aber noch nicht zufrieden, weswegen er andauernd zum Geigenbauer rennt; ich vermute, wegen dieser attraktiven Praktikantin. Die Geige klingt eigentlich genauso wie am Anfang.

Alem beginnt ein Stück zu üben, das ich nicht leiden kann. Ich mache die Tür zu und setze mich mit meinem Laptop auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Vorbereitungen für das Boardmeeting der Jewelers Insurance machen mich nervös, es sind Freunde von Onkel Simon. Geschäftspartner von Papas Familie dürfen das Hotel nur mit den besten Eindrücken verlassen. Für den Anlass hat er extra ein paar neue Zigarren einfliegen lassen und freut sich wie ein Kind darauf, sie zu probieren.

Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie Mrs. Epstein von gegenüber versucht, ihren neuen Pudel zu erziehen. Ganz West Hampstead kennt ihn inzwischen, weiß und dämlich, weil er sich immer wieder verläuft. Vielleicht will er aber auch einfach nicht nach Hause. So wie Alem. Er verläuft sich zwar nicht, aber er ist trotzdem nie hier, sondern immer in irgendeinem Konzertsaal dieser Welt. Überall ist es schöner als bei mir.

Wütend konzentriere ich mich wieder auf die Listen der Gala. Selbstmitleid ist in unserer Familie verboten, wir haben kein Recht darauf, schließlich haben Grand-mère und Grand-père den Holocaust überlebt. Was ist dagegen schon ein bisschen Einsamkeit.

Das Telefon klingelt, es ist Maman.

„Sarah, Liebes, wie geht es dir“, will sie wissen und mir fällt sofort ein, warum sie anruft. Die jährliche Abschlussveranstaltung ihrer Junior-Geigenklasse an der Royal Academy steht vor der Tür und wie immer wünscht sie sich, dass Alem als besonderer Gast dabei ist, etwas vorspielt und Fragen zu seinem Leben als Solist beantwortet. Ob sie sich dabei wünscht, dass er Werbung macht, damit die vielversprechenden Schüler mehr üben, oder das Musikbusiness abschreckend darstellt, um die Schlechteren zum Aufgeben zu bewegen, wissen wir nicht so genau.

Die Bewunderung für Alems Spiel beflügelt Maman seit Jahren in ihrem Unterricht. Manchmal nötigt sie ihn, einen besonders begabten Schüler anzuhören und ihm eine Stunde zu geben. Alem reagiert meist gutwillig, ist mit der Situation aber eigentlich überfordert. Ich habe ihn im Verdacht, dass er selbst nicht weiß, wie die Magie in sein Spiel kommt, er versteht nichts von der Mühe, eine Fähigkeit aus sich heraus zu graben und an ihr wie an einem störrischen Stein zu meißeln. Alem fällt alles leicht. Ob es Notenbilder oder Zahlenreihen sind, die einzige Aufgabe seines Hirns scheint darin zu bestehen, in der richtigen Kammer das Licht anzuschalten.

Während ich mit Maman telefoniere klingelt es an der Tür. Das wird Colin sein. Ich wickele mich fester in die Decke, die mir Alem aus irgendeinem Land mitgebracht hat, und erinnere mich an unsere erste Begegnung.

Damals vor acht Jahren, als sein Name noch nicht überall in der Musikpresse bekannt war, erzählte mir Maman begeistert von „diesem unglaublichen Geiger, der beim Paganini-Wettbewerb in Genua alle an die Wand gespielt hat.“ Zusammen mit zwei Schülerinnen gingen wir zu seinem Konzert in der Festival Hall, und hinterher ließ es sich Maman nicht nehmen, uns alle hinter die Bühne zu seiner Garderobe zu zerren, wo sie ihm gratulierte und Autogramme für ihre Schützlinge verlangte. Mir war die Situation peinlich und ich versuchte, mich im Hintergrund zu halten, aber Alem zog mich charmant ins Gespräch.

„Meine Tochter ist Pianistin“, stellte mich Maman höchst unpassend vor, und ich beeilte mich, von meinem Businessstudium zu erzählen.

„Wie interessant“, sagte Alem überraschenderweise, „ich habe auch einen Businessabschluss gemacht und ein Jahr an der Wallstreet gearbeitet, bevor ich mich total auf die Geige konzentriert habe. Musik und Zahlen sind manchmal eine gute Kombination.“

„Ich habe mich für die Zahlen entschieden, aber ich kann nicht behaupten, dass ich eine Wahl hatte“, sagte ich leicht verlegen.

Ein paar Tage später lud er mich zu Paolo ein, der damals noch sein kleines Restaurant in Hampstead hatte. Bis in die frühen Morgenstunden saßen wir da und unser Gespräch stand nicht eine Minute still. Wir schwärmten von Musik und fernen Ländern, erinnerten uns an die Schulzeit, entdeckten gemeinsame Bekannte und stritten über die Eigenarten der Franzosen; schließlich landeten wir unvermeidbar da, wo wir bis heute immer wieder landen: Familie und Politik – alles, was uns eint, alles, was uns trennt. Ich verirrte mich im Dickicht der Argumente, meine gewohnten Wegweiser führten nur immer dichter hinein. Am Schluss des Abends fühlte es sich an, als hätte er meine Sicht der Dinge aufgeschüttelt wie ein durchgelegenes Kissen.

Mit Alem trat eine neue Welt in mein Leben und gleichzeitig war mir vieles an ihm so vertraut, als würden wir uns schon ewig kennen. Maman war von unserer Verbindung begeistert und Papa hatte mit Alems Vater schon Geschäfte gemacht. Alles schien wie selbstverständlich einen harmonischen Akkord zu ergeben – und doch blieb dieses Nebengeräusch, zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich laut. Ich konnte nicht sagen, woher es kam, immer wenn ich es zu lokalisieren glaubte, entzog es sich wieder. Manchmal dachte ich, es hätte aufgehört, so wie der Rasenmäher des Nachbarn eine Pause macht, ohne dass man es gleich bemerkt, aber dann war es irgendwann wieder da, leise und unerbittlich.

„Sarah, würde euch das Datum passen? Wir können es auch nachmittags machen, wenn Alem das lieber ist.“

Ich habe ihr nicht richtig zugehört. „Können wir vielleicht ein anderes Mal darüber sprechen? Ich sitze hier bei den Vorbereitungen für nächsten Samstag.“

„Ach so“, Mamans Stimme klingt verletzt, aber der Moment ist sofort wieder verflogen. „Vergiss nicht, Carlos für das gesamte Wochenende zu buchen“, erinnert sie mich.

„Glaubst du, ich vergesse unseren Zigarrensommelier? Carlos hat als Erster von dem Treffen erfahren, und zwar von Papa selbst“, lache ich. „Mach dir keine Sorgen. Er würde freiwillig im Humidor übernachten, wenn der ganze Aficionado-Clan im Hotel ist.“

„Da hast du Recht“, lacht Maman.

„Ich melde mich morgen wieder bei dir“, verspreche ich.

„Ist gut. Grüß unseren Stargeiger. Gute Nacht, mein Liebes“, sagt sie und legt auf.

Ich gehe in die Küche und öffne die Dose mit Genmaicha-Tee, die mir Dr. Moriwaki heute Morgen geschenkt hat. Er leitet ein Forschungslabor für Gentechnik in Tokio und ist regelmäßig zu Gast im Hemingway, wenn er Vorträge in der Stadt hält – vor allem aber liebt er klassische Musik. Bereits Monate im Voraus bestellt er Karten für alle Konzerte, die er während seines Aufenthalts unterbringen kann.

Ein feiner Duft weht mir aus der kunstvoll bemalten Dose entgegen, ich stelle den Wasserkocher auf 80 Grad und gieße zwei Kannen auf, eine davon bringe ich Alem und Colin ins Musikzimmer. Als ich die Tür öffne, schallen mir wilde Akkorde und Gelächter entgegen. Alem sitzt schräg auf den Klaviertasten und spielt dabei immer wieder dieselben drei Töne. „Colin, du musst nach mir spielen! Hör doch mal zu…“

„Du brauchst aber doppelt so lange, als es dasteht“, beschwert sich Colin.

„Nennt ihr das proben?“, frage ich kopfschüttelnd und stelle die Kanne auf den Tisch neben dem Flügel. Colin steht auf und gibt mir zwei Küsschen auf die Wange.

„Sarah-darling, schön dich zu sehen“, sagt er und blickt begehrlich auf die Schale mit Reisgebäck in meiner Hand. „Ich weiß genau, warum ich lieber bei Alem proben will als in irgendeinem Studio…“

Alem lächelt mich an, hört aber nicht auf zu spielen. „Danke“, ruft er und formt einen Kussmund in meine Richtung. Ich sehe von einem zum anderen, halte mir gespielt die Ohren zu und gehe wieder hinaus.

Es ist Stunden später, als Alem ins Wohnzimmer kommt, sich in einen Sessel fallen lässt und den Fernseher anschaltet. Wie immer schaut er sofort nach den Börsenkursen, da ist er wie Papa.

„Maman hat angerufen, sie hat bald wieder ihr Vorspiel“, sage ich.

„Hmm.“ Alem schaltet weiter durch die Programme und bleibt bei einer Diskussionsrunde zum Nahostkonflikt hängen. Gerade spricht ein schwedischer Diplomat zur Entscheidung seines Landes, Palästina als Staat anzuerkennen.

„Schweden ist mutig“, murmelt Alem, „das kann man von der britischen Regierung leider nicht behaupten.“

Ich schaue ihn gereizt an. Bitte nicht. Politik bedeutet entweder einen Vortrag oder Streit, auf beides habe ich keine Lust. So oft schon hat sich ein entspanntes Sunday-Roast-Familientreffen in ein flammendes, aussichtsloses Inferno verwandelt.

Eigentlich sollte sich zumindest die Hälfte unserer Familie verstehen, auf beiden Seiten gibt es Holocoust-Überlebende und alle haben Familienmitglieder im Krieg verloren. Alems Grandma Greenberg – Grünberg, wie sie vorher hieß – hat Bücher darüber geschrieben und ging auf Lesereise durch Deutschland und Österreich, um die nächste Generation aufzuklären. Bis zu ihrem Tod war sie unermüdlich gegen das Vergessen aktiv.

Mamans Familie hat sich dagegen in die Verdrängung geflüchtet: Grand-père wurde als Teenager fünf Jahre in einer christlichen Gemeinde versteckt, doch nach dem Krieg brach er jeglichen Kontakt zu der Pflegefamilie ab. Grand-mère überlebte erst Drancy und dann Auschwitz, wollte aber nie wieder darüber sprechen. Beide waren sich einig, die Vergangenheit so weit wie möglich hinter sich zu lassen – nach der Hochzeit änderten sie ihren Namen von Rubin in Robert, um unerkannt in der französischen Gesellschaft aufzugehen.

Maman wurde von ihnen fanatisch geliebt, doch durch die abgedichtete Oberfläche ihrer makellosen Familie konnte sie die Angst spüren, mit der ihre Eltern lebten. Irgendwo da draußen schien ein namenloses Grauen zu lauern, vor dem niemand sicher war und keiner sie zu schützen vermochte.

Maman war ein angepasstes Kind, ängstlich und schüchtern, bis sie das Geigespielen entdeckte. Die einzigen Momente, in denen sie ihre Unsicherheit nicht spürte, waren mit der Violine in ihrem Zimmer. Sie übte jede freie Minute ihrer Kindheit und studierte dann Musik in Tel Aviv, doch bevor sie sich in den Kampf um einen Platz auf der Bühne stürzen konnte lernte sie Papa kennen, der sie mit nach London nahm. Sie heirateten, Maman bekam erst mich und dann Rachel, während Papa das Hemingway eröffnete: ein Boutiquehotel mit Blick auf den Hydepark, das neben der Art-Deco-Ausstattung aus Onkel Simons Antik-Geschäften die exklusivste Zigarrensammlung von ganz Europa beherbergt.

Alems Vater bekommen wir selten zu Gesicht, mit seinen Immobiliengeschäften ist er überall auf der Welt unterwegs. Vor siebenunddreißig Jahren heiratete er Alems Mutter, eine palästinensische Journalistin aus Jordanien. Maman sagt, niemand kann sich heute noch den Skandal vorstellen, der das in den siebziger Jahren gewesen sein muss. Die Eltern der Braut kamen nicht zur Hochzeit und sprachen bis zur Geburt von Alem nicht mit ihrer Tochter. Fotos von ihr zeigen eine schwarzhaarige Frau mit hoher Stirn und energischem Kinn: Yasmin Khoury, gestorben bei einem Verkehrsunfall in Hampstead, die Umstände sind bis heute ungeklärt. Obwohl ihr Tod schon fast zwanzig Jahre her ist, werde ich bei unseren Familientreffen das Gefühl nicht los, dass jemand inmitten aller Streitigkeiten thront – unsichtbar und doch so präsent und beherrschend, wie es nur jemand sein kann, um dessen Existenz sich so viele unbewältigte Gefühle ranken.

„Darling, möchtest du vielleicht noch etwas essen“, sage ich hilflos, als ich sehe, wie Alem stirnrunzelnd die Fernsehdiskussion verfolgt. Gerade erläutert ein israelischer Professor seine Sicht der Dinge.

Er hört mir nicht zu. Ich sehe an seinem Blick, dass er weit weg ist, irgendwo an einem Ort, zu dem ich keinen Zutritt habe, als würde er mir seine körperliche Anwesenheit überlassen, während sie ihn selbst nicht mehr interessiert. Er starrt durch den Bildschirm hindurch, in Erinnerungen versunken.

„Maman wollte einen Termin für das Vorspiel festlegen“, versuche ich ihn in die Gegenwart zurückzuholen. „Sie fragt, ob es uns in zwei Wochen passen würde.“

Alem schaut flüchtig zu mir und dann wieder zum Fernseher. „In zwei Wochen? Das geht nicht, da bin ich noch in Südamerika.“

„Wie lang bist du denn weg?“

„Keine Ahnung, muss ich nachsehen.“

„Wann fliegst du?“

„Montag.“

Sofort beginne ich zu rechnen: noch drei Wochen bis zu meinem nächsten Eisprung, sofern meine Tage pünktlich sind. Er könnte genau zum richtigen Zeitpunkt wieder da sein. Allerdings ist auf meine Tage selten Verlass.

„Du bist doch gerade erst wieder zu Hause!“, sage ich und versuche dabei nicht allzu enttäuscht auszusehen.

„Darling, wir haben doch schon darüber gesprochen. Wenn es bei mir etwas ruhiger ist, fahren wir ein paar Tage raus aus der Stadt“, sagt Alem ein bisschen zu schnell, ich höre die Ungeduld in seiner Stimme.

„Wie geht es Rachel?“ wechselt er das Thema.

Ich überlege, ihm etwas von unserem Gespräch zu erzählen, entscheide mich dann aber dagegen. „Gut“, antworte ich und lächle ihn an, „sie freut sich auf die Dreharbeiten.“

Alem nickt. „Gott sei Dank geht es mit ihr wieder bergauf. Manchmal habe ich mir wirklich Sorgen gemacht, bei all diesen Parties…“

Wenn du wüsstest, was auf diesen Parties so passiert, denke ich und spüre wieder dieses bohrende Gefühl im Magen. Entschlossen stehe ich auf.

„Möchtest du ein Glas Wein?“, frage ich und hole zwei Gläser aus dem Schrank.

„Du trinkst?“, fragt er erstaunt.

„Nur noch heute Abend, morgen beginnt mein Detox-Monat.“ Mit der Flasche in der Hand setze ich mich zu Alem, der Sessel ist zu klein für uns beide und ich rutsche halb auf seinen Schoß.

„Detox-Monat? Macht man das nicht normalerweise nur eine Woche?“, wundert er sich.

„Eine Woche bringt doch nichts, da hat man gerade mal angefangen“, sage ich.

Er nimmt mir die Flasche aus der Hand, um sie zu entkorken. „Dann genieße deinen letzten sündigen Abend“, scherzt er.

Ich lege den Kopf an seine Schulter. „Du bist zu oft weg…“

„Jetzt bin ich doch da“, sagt er leichthin und schaut aus dem Fenster.

Ich folge seinem Blick. „Drehen wir morgen früh zusammen eine Runde durch den Park?“

„Gerne!“ Er lächelt mich an.

„Ich bin ziemlich gut im Training – wir fangen zusammen an und ich warte dann später mit dem Frühstück auf dich“, provoziere ich ihn, wohl wissend, dass ein Wettkampf immer ein sicherer Köder ist.

Er stellt sein Glas ab und fängt an, mich zu kitzeln. „Angeberin! Das werden wir noch sehen!“ Mit einem Schrei fahre ich hoch und wir beginnen eine handfeste Rauferei, bei der wir schließlich auf dem Sofa landen, Alem über mir, er hält mich fest.

„Mylady, geben Sie freiwillig auf?“, fragt er, aus seinen dunklen Augen schlagen Blitze.

„Niemals!“, sage ich und warte darauf, dass er anfängt, mich zu küssen. Aber er schaut nur auf mich herab, plötzlich nachdenklich.

„Was ist?“

„Nichts…“, sagt er schnell und lächelt schon wieder. „Ich liebe deine Sommersprossen, hab ich dir das schon gesagt?“

„Lenk nicht ab!“ Ich mache mich los. „Falls du dir über die Folgen beim Sex Gedanken machst: Du warst zu entscheidender Zeit mal wieder nicht da!“

„Für einen Zuchtbullen habe ich verdammt viel Auslauf“, sagt Alem ironisch und ich werfe ihm einen wütenden Blick zu.

„Mach dich nur lustig. So funktioniert nun mal die Biologie – einmal im Monat gibt es eine Chance! Wenn meine Tage diesmal pünktlich kommen, wären wir aber genau zur richtigen Zeit dran, wenn du zurückkommst.“

Er sucht auf dem Tisch nach der Fernbedienung. „Verschone mich mit deinem Planungswahn.“

„Wärst du öfter zu Hause, müssten wir nicht planen!“

Er seufzt. „Wenn die Jungfrau Maria wüsste, was für einen Aufwand sie mit dem verdammten Engel gespart hat…“, murmelt er, offensichtlich inspiriert vom Papst, der in diesem Moment auf dem Bildschirm zu sehen ist.

„Selbst wenn ich konvertieren würde, wäre es für diese Lösung jetzt ein bisschen zu spät“, zische ich, nehme mein Weinglas und gehe in Richtung Tür.

Im Türrahmen bleibe ich noch einmal stehen. „Wenn du dir noch etwas zu essen machst, das neue Brett in der Küche ist nur für Obst und Gemüse, wir schneiden darauf kein Fleisch!“

Ich sehe, wie er den Kopf schüttelt, aber er lächelt dabei.

Seit Beginn unseres Zusammenlebens macht er sich über meine Angewohnheit lustig, für jeden Gegenstand in der Küche eine eigene Verwendung festzulegen: der rote Lappen nur für den Tisch, die Tontassen nur für grünen Tee, die Glaskaraffe nur für stilles Wasser, das japanische Messer nur für Fleisch, die Reibe aus der Toskana nur für den Parmesan. Er hält sich demonstrativ daran, allerdings nie ohne einen Kommentar. Neulich hat er beim Abtrocknen der Kristallgläser, die wir nur per Hand spülen, das Handtuch bemängelt.

„Es war in der falschen Schublade. Wenn es bei den Staubtüchern gelegen hat, ist es nicht mehr Jungfrau!“

Er hat auch schon die Neuordnung des Kühlschranks nach Verfallsdatum vorgeschlagen. „Damit ich mich nicht mehr auf einen Joghurt freue, um dann festzustellen, dass er von dir grundlos weggeschmissen wurde.“

Er übertreibt natürlich, ich schmeiße die Dinge nie grundlos weg. Wenn ich sie so lange aufbewahren würde wie Alem, wäre unser Kühlschrank ein Biotop.

Ob alle Ehepaare so etwas wie geheime Codewörter entwickeln, die eine Situation in Sekundenschnelle eskalieren oder beruhigen? Mit der Erwähnung des neuen Schneidebretts habe ich jedenfalls ein Friedensangebot gemacht und es ist bei Alem unmissverständlich angekommen.

„Gute Nacht“, sagt er mit weicher Stimme.

Ich werfe ihm eine Kusshand zu, bevor ich die Treppe zum Schlafzimmer hinaufgehe.

***

Am nächsten Morgen bin ich mit Natasha verabredet.

Hoffentlich denkt sie daran, die Einsätze für den Dampfgarer mitzubringen, den sie vor ein paar Tagen an mich weitergegeben hat. Von Natasha bekomme ich immer ihre ausrangierten Küchengeräte, wenn sie von ihrem Mann Oliver etwas Neues geschenkt bekommt – was ziemlich oft der Fall ist, ihre Küche gleicht inzwischen einem Ufo. Olivers letzte Anschaffung, ein Thermomix, hat allerdings fast alle hochwertigen Vorgänger-Geräte in die Arbeitslosigkeit entlassen. Den Dampfgarer habe ich bereitwillig vor der Frühpensionierung bewahrt, aber für die restlichen Geräte muss Natasha jemand anderen finden. Ich bin froh, wenn ich mich nicht alle paar Monate durch eine neue Bedienungsanleitung quälen muss.

Mein Handy vibriert, Natasha schickt mir eine Nachricht. „Sorry, noch fünf Minuten.“ Ich verdrehe entnervt die Augen. Obwohl ich seit vielen Jahren weiß, dass sie nirgendwo pünktlich kommt, habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt.

Mit einem Zettel in der Schulzeit hat unsere Freundschaft damals begonnen. Ich erinnere mich noch genau an das aufgeregte Kribbeln in der Magengrube, als ich ihn unter den strengen Blicken von Madame Martin entfaltete: „I think we are going to be best friends“, schrieb Natasha.

Im Grunde hat sie an diesem Tag über uns entschieden, so wie sie immer über alles entscheidet, nur dass sie inzwischen etwas indirekter vorgeht. Ich fühlte mich überrumpelt, aber gleichzeitig geschmeichelt. Wir waren beide gerade dreizehn geworden, und während ich damit beschäftigt war, Maman zu gefallen und möglichst schnell erwachsen zu werden, trieb Natasha sich mit Jungs herum, tanzte bis in die Morgenstunden und pflegte einen harschen Umgangston. Niemand wagte ihr zu widersprechen, denn sie war auf gnadenlose Art klug, eine Meisterin der schnellen Worte, die ihre Gefechte nicht immer fair gewann.

Während sie dieses Talent auf der Havard Law School zur Perfektion brachte, bereitete ich mich in Paris auf die Managementposition in Papas Hotel vor. Als wir dann beide im gleichen Jahr nach London zurückkehrten, rastete unsere Verbindung wie ein Zahnrad an seiner vertrauten Stelle wieder ein. Erst war ich ihre Trauzeugin und kurz darauf sie meine, allerdings gab es eine Sache, in der wir uns schmerzhaft unterschieden: Natasha war bereits vor ihrer Hochzeit schwanger.

Alem und ich zogen nach West Hampstead und es dauerte nicht lange bis Natasha und Oliver das Haus am Ende unserer Straße kauften. Alem hat sich furchtbar aufgeregt, ihm war diese Nähe nicht geheuer, er und Natasha umkreisen sich bis heute wie zwei Löwen auf der Hut vor dem ersten Krallenhieb.

„Sie wird vorbeikommen, um zu kontrollieren, ob die Waschmaschine am Sabbath läuft! Du musst wahnsinnig sein, sie hierher zu holen“, rief er aufgebracht, wobei er da mal wieder übertrieben hat. Natasha ist entgegen ihrer streng jüdischen Erziehung ziemlich tolerant. Aber wir sind näher zusammengerückt, damit hat er Recht behalten. Eine hat die Hausschlüssel der anderen, wir versorgen gegenseitig unsere Pflanzen und lästern einvernehmlich über die Nachbarn.

Heute Morgen haben wir Karten für die Ausstellung von Alexander McQueen im Victoria and Albert Museum. Natasha ist eine Viertelstunde zu spät, dafür hat sie an die Einsatzböden für den Dampfgarer gedacht. Eine Wolke Parfüm weht mir entgegen, als ich die Autotür öffne, hastig steige ich ein und versuche im elektronischen Dschungel des Sitzmenüs die Rückenlehne zurückzustellen. Alles Mögliche fängt an, sich diskret surrend zu bewegen, nur meine Rückenlehne weicht keinen Zentimeter. Natasha fährt mit quietschenden Reifen los.

„Wir verpassen unser Zeitfenster“, sage ich und werfe einen nervösen Blick auf die Uhr. „Diesmal nehmen wir aber deinen Namen, um an den Ordnern vorbeizukommen!“

„Mum ist das immer so peinlich…“ Natasha hält an der nächsten Ampel und stellt mit ein paar Handgriffen meinen Sitz bequemer ein. „Sie findet, als Sponsor muss man ein Vorbild sein und sich erst recht an alle Regeln halten. Aber was soll ich machen, zur VIP-Führung hatte ich keine Zeit, also muss ich gehen, wenn alle gehen…“

Für eine Weile fahren wir schweigend und Natasha konzentriert sich auf den Verkehr. Als sie in letzter Sekunde einen Bus überholt, löst sie empörtes Hupen aus. Mein Kopf fängt an zu schmerzen, ich fühle mich wie vor einem Migräneanfall. Wenn sie so weiterfährt, wird mir schlecht.

„Ich war schon fast bei meiner Mutter, um Joshua abzugeben, aber er hatte sein neues Nilpferd vergessen, deshalb mussten wir nochmal zurückfahren. Ohne dieses Vieh hätte er Mum das Leben zur Hölle gemacht.“

Damit will sie natürlich sagen, dass ich an unserer Verspätung schuld bin, denn das Nilpferd hat er von mir.

„Entschuldigung“, murmele ich. Natashas Fahrstil schüchtert mich irgendwie ein.

„Ich lasse den Wagen bei der Kanzlei stehen und wir nehmen von dort ein Taxi. Alles andere hat keinen Sinn“, sagt sie. „Beim Museum kann man sowieso nicht parken.“

Ich betrachte sie von der Seite und frage mich, wie sie es geschafft hat, trotz aller Hektik so makellos zurechtgemacht zu sein. Ihr glattes braunes Haar ist zu einem Knoten aufgesteckt, allein für die Frisur würde ich Stunden brauchen. Schon in der Schule führte sie damit alle in die Irre: Natasha war diejenige, die verbotene Bücher mit in die Prüfung brachte, doch zur Rede gestellt sahen die Lehrer diese elegante Person vor sich, die sich mit eloquenter Raffinesse zu verteidigen wusste. Niemand hat ihr je etwas nachweisen können. Heute stellt sie diese gewinnbringende Begabung anderen zur Verfügung und ist damit sehr erfolgreich – für ihre Kanzlei gewinnt sie einen Fall nach dem anderen. Einzig und allein ihr Sohn leistet ihr mit seinen knapp sieben Jahren unerschrockenen Widerstand, und ich bestärke ihn heimlich darin, wenn sie es nicht mitbekommt. Es ist Natashas Glück, dass Oliver noch mehr arbeitet als sie und so gut wie nie zu Hause ist. Joshuas Widerspruchsgeist würde ihn unter Umständen inspirieren.

Zwanzig Minuten später laufen wir durch Alexander McQueens Modekreationen, eine sinnliche Sinfonie aus Klängen, Farben und Stoffen. Jeder Showroom ist bis ins Detail inszeniert, Beleuchtung und passende Musik lassen die Kleider lebendig werden.

Vom Gothic-Style mit seinen üppigen schwarzen Stoffungetümen geht es weiter zur afrikanisch inspirierten Kollektion. Im Hintergrund spielt Trommelmusik, die Wände sind mit bronzenem Metall in Form einzelner Knochen verkleidet. Natasha rückt neben mich und betrachtet einen Rock, der aus einigen lose zusammengenähten Stofffetzen besteht.

„Wenn Papa wüsste, wofür sie sein Geld ausgeben“, sagt sie kopfschüttelnd. „Aber es zieht die Massen ins Museum, darauf kommt es an.“

„McQueen hat eine sehr künstlerische Auffassung von Mode… vor allem, wenn man alle Kreationen nebeneinander sieht“, widerspreche ich.

„Darum geht es den Leuten aber nicht. Er hat es als Sohn eines Taxifahrers nach oben geschafft und war Zeit seines Lebens das Enfant terrible der Modeszene. Er selber ist die Sensation. Im Grunde ist es völlig egal, wie seine Entwürfe aussehen, Hauptsache, sie provozieren.“

„Gefallen sie dir nicht?“

Natasha lacht. „Sie sind jedenfalls keine Inspiration für ein neues Abendkleid. Aber ich will verstehen, warum sie so gut ankommen. “

Ich muss an Alem denken, der Natashas Pragmatismus nicht mag. „Bei entsprechenden Erfolgsaussichten würde sie auch eine Ausstellung mit Hitlers Malerei organisieren“, hat er mal gesagt. Es stimmt, dass Natasha einen raubtierhaften Instinkt für den Vorteil einer Situation besitzt, wahrscheinlich ein Nebeneffekt ihres Berufs. Sie wurde auch von überzeugenden Vorbildern geprägt: Ihr Vater herrscht als Investmentbanker aus einem Glaspalast über das Bankenviertel und ihre Mutter finanziert mit seinem Geld die wichtigsten Kulturevents der Stadt.

Der nächste Raum gleicht einem überdimensionalen, begehbaren Setzkasten. Ringsherum sind die Wände bis zur Decke in schwarze Fächer unterteilt, in denen Schuhe oder Taschen ausgestellt sind, an manchen Stellen gibt es Videos der letzten Modenschauen zu sehen.

Ich bemerke nicht weit von uns eine Frau, die von Kopf bis Fuß in einen Seiden-Jumpsuit im Leopardenlook gehüllt ist. Selbst ihre Schuhe haben dasselbe Muster, das dem Alexander McQueen-Stil ziemlich nah kommt.

„Gehört die auch zur Ausstellung?“ flüstere ich Natasha ins Ohr.

Natasha stößt mir ihren Ellbogen in die Seite. „Das ist Dame Finley, ein Board-Mitglied! Lass uns weitergehen, wenn sie mich sieht, müssen wir mit ihr zu Mittag essen…“

Wir sehen einen Film mit optischer Täuschung, Kate Moss taucht auf in einem märchenhaft-weißen Kleid und verschwindet schwebend wie ein Geist aus der Flasche. Dann einen Raum mit Vogelstimmen und Kleidern nur aus Muscheln und Federn. Schließlich die letzte Kollektion auf Chrompuppen, vor einer Videoinstallation mit Technomusik.

„Eine geniale Arbeit der Kuratorin“, bemerkt Natasha. „Sie ist vom Metropolitan Museum in New York.“

Wir machen uns auf den Weg ins Café.

„In so eine Ausstellung würde ich sogar Oliver bekommen…“ Natasha überlegt einen Augenblick, aber macht dann eine wegwerfende Handbewegung. „Er hätte sowieso keine Zeit.“

Wir stellen uns in die Schlange beim Buffet.

„Kannst du nicht mit ihm darüber reden, dass ihr euch so selten seht?“, frage ich.

„Ach, das führt zu nichts.“ Natasha bestellt einen Tee und nimmt sich ein Sandwich. „Abwesenheit ist sowieso das Beste für eine Ehe – dann vermisst man sich, anstatt zu streiten.“

Ich nehme mir Salat und bestelle einen schwarzen Kaffee. Vielleicht hilft das gegen die bohrenden Kopfschmerzen, die ich seit der Autofahrt nicht loswerde. Wenigstens habe ich sie in der Ausstellung ab und zu vergessen.

„Vermisst du Oliver denn eigentlich, wenn er nicht da ist?“, frage ich.

Natasha schaut mich an und zuckt die Schultern. „Meistens nicht“, gibt sie zu. „Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, alles allein zu organisieren.“

Wir bekommen einen Tisch im Gamble Room neben einer der Säulen. Natasha betrachtet die üppige Wanddekoration.

„Es ist immer so schön hier.“ In ihrem Ton schwingt eine merkwürdige Anerkennung mit, als hätte man die Kulisse eigens für sie zum Lunch aufgestellt. Sie entnimmt ihrer Handtasche einige Papiere. „Sag, kannst du mal einen Blick darauf werfen… habe ich etwas vergessen? Das ist der Feedback-Fragebogen für mein Festival.“

Ich überfliege die Fragen, Natasha widmet sich währenddessen ihrem Handy.

„Klingt gut“, sage ich schließlich, „vielleicht kannst du noch eine Frage für die freiwilligen Helfer einbauen.“

Natasha nickt und macht sich eine Notiz. „Danke. Wann kommst du eigentlich am Sonntag? Willst du mit mir fahren?“

Nein, will ich nicht. Beim Gedanken an zwei Stunden mit ihrer Fahrweise auf einer engen kurvigen Landstraße werden meine Kopfschmerzen sofort wieder stärker.

Am Sonntag soll Alem beim Eröffnungskonzert von Natashas Festival spielen. Sie hat so lange gedrängelt, bis er nachgegeben hat, und sie ist besonders stolz auf einen weiteren Erfolg: Tony Bliss, der neue Star am Dirigentenhimmel, wird das Konzert dirigieren. Eigentlich können sich die Agenturen der beiden nicht ausstehen, ich will lieber nicht wissen, wie Natasha sie zur Zusammenarbeit bewegt hat.

„Vielleicht fahre ich mit Alem“, sage ich ausweichend. „Wir sehen uns danach länger nicht, er ist in Südamerika.“

„Ach so.“ Natasha schiebt den Teller mit einem Rest Sandwich von sich und schaut auf die Uhr. „Darling, lass uns gehen. Das Problem an einem freien Tag ist, dass man all die Dinge erledigen muss, die man nicht schafft, während man arbeitet. Aber wer will schon einen wirklich freien Tag? Papa sagt immer, dabei kommt man nur auf unsinnige Gedanken.“ Sie lacht. „In seiner Bank musste man den Praktikanten das Arbeiten am Wochenende sogar verbieten! Neulich haben sie den 17-Stunden-Tag eingeführt, Bürozeiten darüber hinaus sind verboten. Freiwillig geht da anscheinend niemand nach Hause.“

Wir gehen durch die Galerie zurück zum Ausgang, als mein Telefon klingelt.

Es ist das Hemingway, offensichtlich hat es einen Buchungsfehler gegeben. Mr. Salali aus Dubai ist eben angereist und behauptet, er hätte das Penthouse gebucht, in dem ab morgen das Meeting der Jewelers Insurance stattfinden soll.

„Darum muss ich mich sofort kümmern“, sage ich zu Natasha und bestelle ein Taxi.

„Ist das nicht neulich erst passiert?“, fragt sie.

„Ja, ich weiß. Harry ist erst ein paar Monate bei uns. Ich dachte, sein Fehler sei die Ausnahme…“

„Offensichtlich nicht.“

„Vielleicht kann ich ihn nicht behalten…“, sage ich zögernd.

„Natürlich nicht!“ Natasha verzieht das Gesicht. „Jetzt bekomm bitte nicht wieder einen deiner mütterlichen Anfälle. Schmeiß ihn einfach raus!“

Sie öffnet die Taxitür und hält sie für mich auf. „Du meldest dich nochmal wegen Sonntag? Mein Angebot steht.“

„Ich komme darauf zurück“, verspreche ich und steige hektisch ins Taxi.

***

Das Internat liegt abgeschieden auf einem Hügel, die breite, mit alten Pappeln umsäumte Allee führt direkt darauf zu. Ringsum erstrecken sich Felder und Weiden mit Schafen, neben dem Gebäude grasen ein paar Pferde in der Sonne vor dem Stall.

Wir parken neben einem schwarzen Bentley und Alem verzieht den Mund.

„Das ist bestimmt das Auto von Mr. Rising Star. Ich kann nicht erwarten, dass dieses Konzert vorbei ist. Sein Beethoven klingt wie die Front des Sechs-Tage-Kriegs!“

Er greift nach seiner Geige und der Fracktasche und knallt die Autotür zu.

Offensichtlich ist Natashas Kombination kein großer Erfolg. Seit der gestrigen Probe hat Alem jedenfalls schlechte Laune – soweit ich das beurteilen kann, wir hatten kaum Zeit, ein Wort miteinander zu wechseln. Mein ganzer Samstag wurde vom Jelewers meeting beansprucht und Alem hatte sein Konzert in der Wigmore Hall.

Als wir in den Saal kommen, probt das Orchester gerade die Mendelssohn-Sinfonie für den zweiten Teil des Konzerts. Wir hören eine Weile zu und ich betrachte Tony Bliss. 23 Jahre jung ist er, der Kleidung nach zu urteilen könnte er auch gerade auf dem Weg zum Surfen sein. Seine Art zu dirigieren passt dazu, fast wirkt es wie eine Tanz-Choreographie, so harmonisch sind seine Bewegungen.

„Es sieht doch gut aus“, sage ich.

„Wahrscheinlich hat er Ballettunterricht genommen“, knurrt Alem. „Hör doch mal hin, das ist alles vollkommen willkürlich, nur billige Effekte! Das Business ist völlig krank, und Agenturen wie meine oder CMI sind mit daran schuld. Man verdient eben am meisten mit Dirigenten, die bekommen die höchsten Gagen. Tony haben sie ein Popstar-Image verpasst, weil er jung ist und gut aussieht… jetzt hör doch mal hin!“ Aufgebracht schüttelt er den Kopf. „So schnell kann man den letzten Satz gar nicht spielen! Irgendwann muss man währenddessen noch durch einen brennenden Reifen springen. Was hältst du davon, wenn ich das beim nächsten Vorspiel deiner Mutter erzähle, anstatt über Kreativität zu philosophieren?“

Alem ist wütend über seine Zusage, die ich ihm abgerungen habe, aber was ist so schlimm daran, einer Freundin einen Gefallen zu tun? Es sind doch auch seine Freunde, schließlich leben wir mit Natasha, Oliver und Joshua fast wie in einer Familie zusammen.

„Wieso fragt Natasha nicht, mit wem ich spielen will?“, schimpft er weiter. „Stattdessen kombiniert sie wahllos zwei bekannte Namen! Es wäre schön, wenn du sie mir bis zum Konzert vom Leib halten würdest, sonst kann ich für nichts garantieren.“

„Du wirst sie auf jeden Fall treffen!“, protestiere ich. „Es ist ihr Festival! Ihre Mutter wird auch gleich hier sein.“

„Auch das noch. Warum findet das Ganze nochmal statt? Ach ja, der Leiter des Internats ist ein Schulfreund ihrer Mutter und braucht ein besseres Image.“

„So ein Unsinn!“ Ich fange an, mich zu ärgern. „Die Schule soll einen musikalischen Schwerpunkt bekommen, das haben wir dir doch erklärt. Dafür wird eine Stiftung gegründet und ein Nachwuchswettbewerb ins Leben gerufen, damit die Schule international bekannter wird. Sie gehört schon jetzt zu den besten Schulen Englands!“

Alem greift nach dem Festivalprogramm, das überall auf den Sitzen verteilt liegt, und betrachtet die Auflistung der Sponsoren.

„Wie ich sehe, hat Dad auch brav gespendet…“

„Ja, ich habe letzte Woche mit ihm gesprochen. Er wollte eigentlich heute kommen, aber Patricia hat Geburtstag und sie sind übers Wochenende ins Cornwell-Haus gefahren. Hast du angerufen und ihr gratuliert?“

„Wieso? Ich wusste gar nicht, dass sie Geburtstag hat!“

„Ich finde schon, du könntest der Freundin deines Vaters zum Geburtstag gratulieren!“

„Wie gesagt, dazu müsste ich erst mal wissen, dass heute ihr Geburtstag ist“, wiederholt er gereizt.

„Willst du damit sagen, du hättest sie angerufen, wenn du es gewusst hättest?“

„Nein.“

„Was hast du gegen sie? Sei doch froh, dass Daniel nach all den Jahren wieder glücklich ist.“

„Das gönne ich ihm. Aber Patricia… glaubst du vielleicht, es ist Zufall, dass ihr Maklerbüro jetzt so viele Anfragen hat? Sie ist 35 und sehr schön – also, für jemand, der ihren Typ mag. Dad ist 68.“

„Dein Vater ist immer noch ein attraktiver Mann“, wende ich ein.

Alem schneidet eine Grimasse und wedelt mit dem Flyer vor meiner Nase. „Ich bleibe jedenfalls nicht auf Champagner und Canapés mit den Wir-finanzieren-Englands-Kulturleben-Snobs der Familie Brown!“

„Snobs? Unsere Familie ist auch nicht gerade arm… Was ist falsch an Sponsoring? Soviel ich weiß, gehört deinem Vater auch ein Stuhl beim Philharmonia Orchestra.“

„Ja, aber er hat dafür nicht als Gegenleistung neuen Baugrund geschenkt bekommen!“

„Stimmt, dein Vater ist ja ein Heiliger, er hat in eine verfolgte palästinensische Familie eingeheiratet und auf der Seite der Schwachen gekämpft!“

Auf der Bühne dreht Tony sich um, wir haben im Laufe der Auseinandersetzung den Flüsterton verlassen. Als er uns erblickt, setzt er sofort ein strahlendes Lächeln auf. „Wir brauchen nicht mehr lange!“

„Ich gehe mich einspielen.“ Alem steht auf und verschwindet in Richtung Künstlergarderobe, auf halben Weg kommt ihm Natasha entgegen. Ich sehe, wie sie hinter ihm her geht und auf ihn einredet. Muss ich mich jetzt dazwischen werfen? Ich habe keine Lust dazu. Wozu auch immer sie ihn überreden will, Alem wird sich schon zu helfen wissen.

Von den Schwierigkeiten zwischen Tony und Alem ist auf der Bühne nichts zu bemerken. Das Publikum scheint ihre Kombination zu begeistern: Bravo-Rufe schallen während des Applauses aus dem Saal. Ich bahne mir einen Weg durch die Menge in Richtung Garderobe, als Maman auf mich zukommt.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist?“, sage ich erstaunt.

Maman küsst mich auf beide Wangen. „Dein Vater hat Besuch aus der Dominikanischen Republik, es geht mal wieder um eine neue Zigarre. Da störe ich nur“, lacht sie, breitet die Arme aus und schaut an mir vorbei. „Wer kommt denn da? Hallo, mein Süßer!“

Als ich mich umwende, sehe ich Oliver und Natasha mit Joshua, der mein Nilpferd an sich drückt. Es hat eine ziemliche Verwandlung mitgemacht, seitdem ich es das letzte Mal gesehen habe. Grau und struppig sieht es aus, über dem Auge sind unverkennbare Nutellaflecken. Wir machen uns zusammen auf den Weg zu Alems Garderobe, wo sich schon eine kleine Schlange gebildet hat. Alem steht in der Tür und nimmt Glückwünsche entgegen, die Geige hat er noch in der Hand.

Ein Mann mit Kamera und Stativ kommt um die Ecke. „Darf ich?“, fragt er und Natasha wechselt einen Blick mit Alem. Er nickt.

Wir gehen in seine Garderobe, wo vor dem Spiegel ein Einblick in die letzten Minuten vor dem Konzert ausgebreitet liegt: Noten, Ersatzsaiten, Nailklipper, Handy-Aufladegerät und verschiedene Essensreste bilden ein für Alem sonst sehr untypisches Durcheinander. Während der Journalist seine Kamera aufbaut, stürzt sich Joshua auf die Schokolade.

„Joshua, erst fragen!“, ermahnt Natasha ihn, aber Alem lacht. „Bedien dich“, sagt er zu Joshua, der die Schokolade bereits mit seinen kleinen Fäusten hält.

Alem wirft einen Blick in den Spiegel, fährt sich kurz durch die Haare und setzt sich vor die Kamera in Positur.

„Alem Greenberg, Sie haben das erste King-David-Festival eröffnet, herzlichen Glückwunsch! Mit welchen Gefühlen haben Sie am heutigen Abend gespielt?“

Alem setzt ein gewinnendes Lächeln auf. „Zunächst möchte ich mich ganz herzlich bei Natasha Brown, der Initiatorin des Festivals, für die Einladung bedanken. Ich freue mich, der Idee für eine neue Musikfakultät hier am King-David-Internat gemeinsam Flügel zu verleihen. Das Festival ist der Startschuss für viele weitere musikalische Projekte an dieser Schule.“ Ich sehe Natasha zufrieden nicken und atme auf.

„Alem Greenberg zusammen mit Tony Bliss – eine Traumkombination, die sicher viele ins Konzert gelockt hat. Wie war Ihre Zusammenarbeit?“

„Wir haben uns gegenseitig inspiriert! Über das Ergebnis muss das Publikum entscheiden“, strahlt Alem in vollendeter Schauspielkunst.

„Wie ist Ihr Verhältnis zu musikalischer Ausbildung, unterrichten Sie selbst?“

Er zögert. „Instrumentalunterricht ist eine sehr verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe, sie erfordert vor allem Kontinuität. Das kann ich nicht anbieten bei meinen vielen Konzertverpflichtungen…“

„Aber Sie werden doch für kommende Meisterkurse am King-David-Internat zur Verfügung stehen?“

Ich sehe ihn kurz Luft holen. „Das ist vor allem eine Zeitfrage… Ohne Zweifel werden sich aber renommierte Pädagogen aus der ganzen Welt für diese Aufgabe interessieren. In Zukunft wird das King-David-Internat ein internationaler Treffpunkt für junge Musiker sein, um sich auf die professionelle Welt vorzubereiten.“

„Alem Greenberg, vielen Dank.“

***

„Ich wusste, dass es so enden würde“, Alem schlägt mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Natürlich haben wir uns nicht in der Pause verabschiedet, sondern sind bis zum Ende des Konzerts geblieben, und nicht nur das, jetzt fahren wir hinter Natasha und Oliver her, um bei ihnen zu Hause noch einen Whiskey zu trinken. Fast wäre Maman auch noch mitgekommen, dann würde dieser Abend wahrscheinlich nie enden.

Wir biegen hinter den beiden in die Einfahrt ein, Alem parkt neben Oliver und zieht energisch die Handbremse. „Ein einziger Drink!“ Er wirft mir einen mahnenden Blick zu.

Natasha öffnet die Tür und geht dann mit Joshua nach oben, um ihn ins Bett zu bringen. Wir gehen mit Oliver ins Wohnzimmer und bemerken neben der Ledercouch ein Gebilde aus hellen, eiförmigen Gegenständen, die an Fäden von der Decke hängen. Es nimmt ein beachtliches Stück des Raumes ein.

„Habt ihr eine neue Lampe?“, fragt Alem belustigt.

Oliver stellt Cognac und Whiskey auf den Tisch. „Das ist England aus Eiern an Fäden“, erklärt er. „Natasha hat das von der letzten Kunstmesse mitgebracht. Es gab auch Afrika als vereistes Stahlrohr mit dazugehöriger Kühlmaschine, aber das schien ihr zu riskant für unseren Holzboden.“

„England aus Eiern an Fäden?“, frage ich verständnislos.

Oliver holt noch eine Flasche Grappa aus der Bar und stellt sie vor mich hin. „Frag Natasha, ihr gefällt es.“

„Bewundert ihr unser neues Kunstwerk?“ Natasha kommt die Treppe hinunter.

„War der Künstler wenigstens attraktiv?“, frage ich kopfschüttelnd.

„Oh ja!“, sagt sie und lässt sich von Oliver einen Whiskey geben. „Irgendwie fand ich, es passt in unser Wohnzimmer. Man wird auch von allen Besuchern darauf angesprochen – der perfekte Eisbrecher für jedes Gespräch. Man sollte sich überlegen, die Gerichtssäle mit moderner Kunst auszustatten, um gemeinsam erlebte Verwirrung zu stiften. Vielleicht entstehen daraus die besten Vergleiche“, sie lacht und wendet sich Alem zu. „Joshua will übrigens, dass du ihm heute die Gute-Nacht-Geschichte vorliest.“

Alem schaut sie ungläubig an. „Wirklich?“

„Ja. Anscheinend hat ihn dein Spiel fasziniert, er redet von nichts anderem als Geige.“

Alem zuckt die Schultern, geht aber nach oben. Natasha wirft mir einen verschwörerischen Blick zu.

„Hat Joshua wirklich nach ihm gefragt?“, wundere ich mich.

„Ach Quatsch“, lacht Natasha, „aber Alem soll schließlich Vater werden – man muss ihn auf den Geschmack bringen.“

Oliver schaut sie vorwurfsvoll an. „Natasha! Misch dich nicht immer in alles ein!“

„Tue ich ja gar nicht. Aber du wirst sehen, es funktioniert.“

Eine Viertelstunde später kommt Alem wieder ins Wohnzimmer, in der Hand hält er einen bunten Stoffpapagei. „Das ist Coco“, erklärt er und wirkt dabei fast ein bisschen stolz. „Er kommt aus dem Weltall und ich soll über Nacht auf ihn aufpassen, damit er nicht wegfliegt.“

Er lässt sich aufs Sofa fallen und setzt Coco vor sich auf den Couchtisch. Natasha betrachtet ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Er hat dir Coco mitgegeben? Das ist aber ein Vertrauensbeweis…“

Ich nehme seine Hand. „Du bist ja total begabt!“, ziehe ich ihn auf.

Alem verdreht die Augen.

Natasha kann es nicht lassen: „Du wirst sehen, wenn euer Kind erstmal da ist, bist du ganz verliebt!“

„Natasha!“, Oliver ist ihr Verhalten wie immer peinlich.

Alem schaut zwischen uns hin und her. „Ist das eine Verschwörung? Ich tue ja, was ich kann, damit wir schwanger werden!“ Er zwinkert Oliver zu.

Dann schaut er wieder in meine Richtung. „Ich will nur anmerken, dass so ein Kind das Leben vollkommen auf den Kopf stellt und ich nicht viel Zeit dafür habe. Morgen sitze ich zum Beispiel im Flieger nach Lima und bin für zwei Wochen unterwegs.“

Natasha schüttelt besänftigend den Kopf. „Das soll doch auch so bleiben. Wofür gibt es schließlich Nannys!“

Ärgerlich schaue ich sie an. Genau so habe ich es mir eben nicht vorgestellt!

Oliver beugt sich zu Alem und sagt verschwörerisch: „Ich bekomme von Joshua auch nicht viel mit…“

Natasha fährt herum. „So war das nicht gemeint! Du bist wirklich nie zu einer normalen Zeit zu Hause.“

„Was willst du damit sagen?“, Oliver setzt sich auf. „Eine Klinik organisiert sich nun mal nicht von allein, ich kann die Patienten ja nicht aufgeschnitten auf dem OP-Tisch liegenlassen!“

Alem wirft mir einen vielsagenden Blick zu. „Siehst du, so wird es dann. Man feilscht gegenseitig um die freien Minuten.“

„Wer spricht denn von freien Minuten?! Ich arbeite die ganze Zeit!“ Oliver dreht sich empört zu Alem.

Ich stelle mein Glas mit einem Schwung auf den Glastisch. „Warum gibst du nicht endlich zu, worum es wirklich geht?“, frage ich und vergesse für einen Moment meine Zurückhaltung. „Du willst nicht, dass unser Kind jüdisch wird! Das wäre ein Problem für deine Mutter, wenn sie noch leben würde!“

Einen Moment lang ist es still, dann räuspert sich Alem. „Das ist vollkommener Unsinn!“, sagt er, aber in seinem Gesicht zuckt es. Ich weiß, dass ich einen Nerv getroffen habe.

Oliver und Natasha schauen verlegen, Natasha beeilt sich, die Stimmung zu entschärfen: „Wir wollen aus der Sache kein Politikum machen“, sagt sie leichthin, und Oliver schiebt ein Fotobuch in Alems Richtung, das die ganze Zeit unbemerkt auf dem Tisch gelegen hat. „Schaut mal, diese Fotos wollten wir euch schon beim letzten Mal zeigen. Sie sind von der Safari in Kenia zu unserem Hochzeitstag.“

Für den Rest des Abends halten wir uns an unverfängliche Themen. Das Gespräch kullert wie eine Murmel durch eins dieser Spielfelder voller Löcher, in die sie nicht hineinfallen darf; gemeinsam manövrieren wir die Kugel, darin sind wir seit Jahren geübt. Ich weiß nicht, wer zuerst auf die Uhr schaut, Oliver oder Alem. Es ist später geworden als beabsichtigt, wir brechen auf.

Natasha küsst mich auf beide Wangen und drückt mir zum Abschied ein pinkes Gerät mit der Aufschrift „Gummy Candy“ in die Hand. „Hier, für dich. Das wolltest du doch ausleihen.“

Alem starrt mich an. „Du willst Gummibären machen?“

„Mit hochwertiger Gelatine, Darling. Du wirst sie lieben.“ Alem und Oliver werfen sich einen Blick aus hochgezogenen Augenbrauen zu.

Wir steigen ins Auto, um die wenigen Meter zu unserem Haus zu fahren, Natasha und Oliver stehen in der Tür und winken uns hinterher.

***

Am nächsten Morgen sitzen wir uns am Frühstückstisch gegenüber, draußen prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben. Heute ist einer der 226 Regentage, die es jährlich in London gibt, angeblich sei die Regenzeit aber immer nur kurz, habe ich neulich gelesen. In dem Artikel hieß es, London sei zwar die viert-regenreichste Stadt in Europa auf Basis der Regentage, betrachtet man es aber von der Regenmenge her, erreichen wir nicht mal die Top Ten. Ich schaue aus dem Fenster und bin skeptisch. Wenn dieser Tag mal nicht die Statistik aus der Bahn wirft.

Alem hat das iPad neben sich und checkt seine Flugdaten. Plötzlich schaut er hoch und sieht mich an. „Gestern…“, sagt er langsam.

Ich winke ab. „Ich weiß schon, das war unnötig, dieser Streit vor Natasha und Oliver…“

„Das meine ich nicht.“ Er hält meinem Blick stand. „Ich hätte kein Problem damit, wenn mein Kind jüdisch aufwächst, das musst du mir glauben! Ich bin ja selbst jüdisch aufgewachsen…“

„Der Vater ist da nicht entscheidend.“

„Ich weiß. Aber es ist trotzdem immerhin die Hälfte meiner Erziehung!“, protestiert er.

„Die andere Hälfte ist aber relevanter, wenn es um die Familienplanung geht“, rutscht es mir heraus und bereue es sofort, als ich seinen Blick sehe.

„Wirfst du mir vor, dass ich meine Mutter nicht vergesse?“, fragt er, wie immer bei diesem Thema sofort in Verteidigungshaltung.

Ich seufze innerlich. Es ist Abreisetag, da empfiehlt es sich, das Gespräch leicht und flüchtig zu halten. Wie viele Szenen muss ich noch erleben, um das zu lernen?

„Am Ende ist sie doch irgendwelchen jüdischen Fanatikern zum Opfer gefallen, es ist jedenfalls nicht geklärt“, geht Alem jetzt zum Angriff über und hackt mit der Gabel in das Trüffelrührei, das ich ihm zum Abschied gemacht habe.

Ich rufe mir in Erinnerung, wie es endet, wenn man ihn provoziert, und versuche meinem Gesicht einen möglichst milden Ausdruck zu geben. Alems Temperament kann von einer Sekunde auf die andere explodieren, dann verschwindet sein Humor schlagartig und weicht einer Sturheit, die man ihm nicht zutrauen würde. Bevor er sich jedoch in das Thema verbeißen kann, klingelt zum Glück sein Telefon. Es ist die Agentur.

„Nein, Susan, ich habe den Vertrag nicht bekommen“, sagt er ungeduldig. „Kannst du ihn mir bitte mailen? Ich will ihn unbedingt noch sehen, bevor ich ins Flugzeug steige.“

Mit genervtem Blick legt er das Telefon wieder auf den Tisch. „Es ist immer dasselbe. Am Ende gibt es doch irgendwo ein verstecktes Detail, und schon habe ich irgendwelche Rechte abgetreten…“

„Vielleicht übertreibst du es ein bisschen mit deiner Kontrolle?“, frage ich vorsichtig und bin gleichzeitig froh über die Ablenkung. „Susan macht ihre Sache doch seit Jahren gut.“

„Aber nur, weil ich immer ein Auge auf alles habe“, beharrt Alem.

Draußen hupt das Taxi, er steht auf und lässt einen Rest Rührei auf dem Teller. „Ich muss los.“

Ich gehe ihm hinterher in den Flur, wo seine Geige und sein Koffer schon bereitstehen.

„Du meldest dich“, sage ich und gebe ihm einen Kuss.

„Sicher. Mach dir keine Sorgen.“

Ich schaue ihm nach, wie er mit leichtem Schritt den Koffer über die Einfahrt zieht und für einen kurzen Moment überkommt mich eine vertraute, bleierne Schwäche. So fühlt es sich immer an, wenn er geht: an der Türschwelle wird er irgendwie schwerelos und scheint unsere Beziehung zurück zu lassen wie einen Mantel, der ihm zu warm ist.

***