FERNWEH

2022-11-20T21:35:51+00:00Oktober 14, 2022|0 Kommentare

Es fing ganz harmlos mit einem Gespräch im Treppenhaus an. Meiner Nachbarin machte die Aussicht auf mögliche Blackouts Sorgen, sie hat deswegen schon Kerzen, Taschenlampen und Konserven eingekauft. Ich habe ja erstmal eine Kiste Rotwein bestellt. Mit unseren gemeinsamen Ressourcen wollen wir im Notfall eine endlose Party zu veranstalten. Herbst und Winter sind ohnehin dunkle Zeiten — aber das Ganze auch noch ohne romantische Weihnachtsbeleuchtung, ausgiebige Schaumbäder, am Ende abgeschnitten von der Außenwelt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sendet mein Hirn, all meine Sinne und das Unterbewusstsein nur noch eins: Fernweh. Die Sehnsucht nach Sonne und Strand ist übermächtig groß. Aber wie verlege ich mein Leben möglichst schnell auf die Südhalbkugel?

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Es fing ganz harmlos mit einem Gespräch im Treppenhaus an. Meiner Nachbarin machte die Aussicht auf mögliche Blackouts Sorgen, sie hat deswegen schon Kerzen, Taschenlampen und Konserven eingekauft. Ich habe ja erstmal eine Kiste Rotwein bestellt. Mit unseren gemeinsamen Ressourcen wollen wir im Notfall eine endlose Party zu veranstalten. Herbst und Winter sind ohnehin dunkle Zeiten — aber das Ganze auch noch ohne romantische Weihnachtsbeleuchtung, ausgiebige Schaumbäder, am Ende abgeschnitten von der Außenwelt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sendet mein Hirn, all meine Sinne und das Unterbewusstsein nur noch eins: Fernweh. Die Sehnsucht nach Sonne und Strand ist übermächtig groß. Aber wie verlege ich mein Leben möglichst schnell auf die Südhalbkugel?

Zur Lösung des Problems gibt es massenhaft Literatur und Methoden — eine ganze Armee von Life Coaches kümmert sich im Internet darum, was man tun kann, um seine Sehnsüchte in Realität zu verwandeln. Es heißt, wenn man jeden Tag nach dem Vorbild seines Traumtages gestaltet, ergibt sich der Rest von allein. Selbst ein kleiner Schritt sei schon genug. Ein symbolisches Croissant mit einem Café au lait am Morgen führt beispielsweise irgendwann zu einem Leben in Südfrankreich.

Für den Traum von Hawaii kann man eine Fototapete in die Küche kleben, Spanien-Liebhabern ist mit einer Paella-Pfanne geholfen, besonders Ambitionierte könnten sich für die Sehnsucht nach Südafrika vielleicht ein Zebra mieten. Wenn es unbedingt Sansibar sein soll, kann man ersatzweise nach Sylt fahren, dort haben andere schon vorgearbeitet. Es gibt die passende Bar am Strand — mit genügend Alkohol und einer warmen Decke fühlt es sich täuschend echt an.

Mich packt bei derlei Maßnahmen schnell die Ungeduld. Eine Alpaca-Decke gegen den Bolivien-Blues, ein Unter-Wasser-Film als Ersatz für das Great Barrier Reef — alles Tropfen auf den heißen Stein. Am Ende schaue ich doch wieder in den grauen Berliner Himmel, gehe auf den schmutzigen Straßen von einer Baustelle zur anderen und wünsche mir einen sechs Monate dauernden Winterschlaf oder ein Flugticket.

Vielleicht werden die Manifestationsmaßnahmen ja schlagkräftiger, wenn man sie nicht allein ausführt. Ich habe also meine gesamte Nachbarschaft angestiftet, die drohende Trostlosigkeit in diesem Jahr gemeinsam zu bekämpfen. Nach eingehender Beratung treffen wir uns jetzt an wolkenlosen Nächten auf dem Dach zur Sternenlotterie. Die Treppe nach oben ist eigentlich abgesperrt und die Hausverwaltung hat schon eine Mahnung herum geschickt. Trotzdem machen alle mit, die Hausverwaltung werden wir auch noch überzeugen. Wir versammeln uns um eine große, leuchtende Lostrommel, in der Planten und Sternbilder auf Zetteln rotieren. Wer das Abbild seines Loses am Himmel findet, darf sich etwas wünschen.

Seitdem hat sich in unserem Haus einiges geändert. Im Treppenhaus fliegen jetzt seltene Vögel, denn Herr Schneider aus dem 2.Stock wäre so gern auf Costa Rica. Im Innenhof haben wir eine Sanddüne aufgeschüttet, auf der man tagsüber das Möwengeschrei einer Geräusche-App hören kann. Das schlägt alle weltweiten Strand-Sehnsüchte mit einer Klappe.
Einmal in der Woche kocht das Restaurant im Erdgeschoss thailändisches Streetfood für alle Hausbewohner, und samstags gibt es um Mitternacht eine Geisterführung mit Gedichten und Musik, wie man sie in Edinburgh erleben kann. Das hat sich Mr. Craig aus dem Erdgeschoss gewünscht, der keinerlei Sympathien für Temperaturen über zwanzig Grad hegt und mit dem europäischen Winter, Blackout oder nicht, sehr zufrieden ist.

Ein bisschen gefährlich wurde es bei der Sehnsucht nach den Rocky Mountains, als Familie Reuter aus dem 5.Stock eine Sesselbahn hinunter ins Erdgeschoss gebaut hat. Sie sind eben leidenschaftliche Skifahrer. Dafür hat das nette Ehepaar aus dem Gartenhaus seine Gästewohnung für Yoga-, Tantra- und Meditationsnächte zur Verfügung gestellt, für alle, die gern in Goa wären. Letzte Woche hat jemand tibetische Mönche organisiert, die im Innenhof tagelang ein Sand-Mandala gestreut haben. Passend dazu hingen wir Gebetsfahnen in allen Farben aus dem Fenster – sich den Himalaya im Hintergrund vorzustellen war wirklich eine Kleinigkeit.

Mittlerweile sind enge Freundschaften über alle Stockwerke hinweg entstanden, und wir sehen dem Winter mit Zuversicht entgegen. Bei unserer letzten Zusammenkunft ist allerdings fast ein kleiner Streit entbrannt. Jemand erzählte, dass sich auch in der Parallelstraße die Nachbarn versammeln. Dort spielt man angeblich das Spiel „The Hat and the Key“: Es wird ein Hut herumgereicht, in den alle Männer des Hauses ihre Wohnungsschlüssel werfen. Danach wird der Hut unter den anwesenden Frauen herumgereicht, die mit geschlossenen Augen einen Schlüssel ziehen. Mit dem jeweiligen Schlüsselbesitzer dürfen sie dann die Nacht verbringen. Das Spiel haben ihnen die neu eingezogenen Expats beigebracht, die sich in Dubai auf diese Weise über ihr Heimweh hinwegtröstet haben. Jedes Weh hat eben seine eigene Bewältigungsstrategie.

Die einzigen, die all diese aufregenden Entwicklungen verpassen, sind Ralf und Raimund aus dem Dachgeschoss. Sie haben sich pünktlich mit dem ersten grauen Regentag nach Mauritius abgesetzt, wo sie eine Zweitwohnung besitzen. Wenn sie Anfang Mai wiederkommen und in Berlin endlich wieder Bäume blühen und Vögel zwitschern, wird es im Innenhof aussehen, als wäre nie etwas vorgefallen.
Dann wird sich zeigen, ob es die beiden am echten Strand mit echtem Meer, echtem Luxus und non-stop-Wellness so viel besser hatten als wir hier in Berlin, mit unserem Fernweh und der Sternenlotterie.

Zur Lösung des Problems gibt es massenhaft Literatur und Methoden — eine ganze Armee von Life Coaches kümmert sich im Internet darum, was man tun kann, um seine Sehnsüchte in Realität zu verwandeln. Es heißt, wenn man jeden Tag nach dem Vorbild seines Traumtages gestaltet, ergibt sich der Rest von allein. Selbst ein kleiner Schritt sei schon genug. Ein symbolisches Croissant mit einem Café au lait am Morgen führt beispielsweise irgendwann zu einem Leben in Südfrankreich.

Für den Traum von Hawaii kann man eine Fototapete in die Küche kleben, Spanien-Liebhabern ist mit einer Paella-Pfanne geholfen, besonders Ambitionierte könnten sich für die Sehnsucht nach Südafrika vielleicht ein Zebra mieten. Wenn es unbedingt Sansibar sein soll, kann man ersatzweise nach Sylt fahren, dort haben andere schon vorgearbeitet. Es gibt die passende Bar am Strand — mit genügend Alkohol und einer warmen Decke fühlt es sich täuschend echt an.

Mich packt bei derlei Maßnahmen schnell die Ungeduld. Eine Alpaca-Decke gegen den Bolivien-Blues, ein Unter-Wasser-Film als Ersatz für das Great Barrier Reef — alles Tropfen auf den heißen Stein. Am Ende schaue ich doch wieder in den grauen Berliner Himmel, gehe auf den schmutzigen Straßen von einer Baustelle zur anderen und wünsche mir einen sechs Monate dauernden Winterschlaf oder ein Flugticket.

Vielleicht werden die Manifestationsmaßnahmen ja schlagkräftiger, wenn man sie nicht allein ausführt. Ich habe also meine gesamte Nachbarschaft angestiftet, die drohende Trostlosigkeit in diesem Jahr gemeinsam zu bekämpfen. Nach eingehender Beratung treffen wir uns jetzt an wolkenlosen Nächten auf dem Dach zur Sternenlotterie. Die Treppe nach oben ist eigentlich abgesperrt und die Hausverwaltung hat schon eine Mahnung herum geschickt. Trotzdem machen alle mit, die Hausverwaltung werden wir auch noch überzeugen. Wir versammeln uns um eine große, leuchtende Lostrommel, in der Planten und Sternbilder auf Zetteln rotieren. Wer das Abbild seines Loses am Himmel findet, darf sich etwas wünschen.

Seitdem hat sich in unserem Haus einiges geändert. Im Treppenhaus fliegen jetzt seltene Vögel, denn Herr Schneider aus dem 2.Stock wäre so gern auf Costa Rica. Im Innenhof haben wir eine Sanddüne aufgeschüttet, auf der man tagsüber das Möwengeschrei einer Geräusche-App hören kann. Das schlägt alle weltweiten Strand-Sehnsüchte mit einer Klappe.
Einmal in der Woche kocht das Restaurant im Erdgeschoss thailändisches Streetfood für alle Hausbewohner, und samstags gibt es um Mitternacht eine Geisterführung mit Gedichten und Musik, wie man sie in Edinburgh erleben kann. Das hat sich Mr. Craig aus dem Erdgeschoss gewünscht, der keinerlei Sympathien für Temperaturen über zwanzig Grad hegt und mit dem europäischen Winter, Blackout oder nicht, sehr zufrieden ist.

Ein bisschen gefährlich wurde es bei der Sehnsucht nach den Rocky Mountains, als Familie Reuter aus dem 5.Stock eine Sesselbahn hinunter ins Erdgeschoss gebaut hat. Sie sind eben leidenschaftliche Skifahrer. Dafür hat das nette Ehepaar aus dem Gartenhaus seine Gästewohnung für Yoga-, Tantra- und Meditationsnächte zur Verfügung gestellt, für alle, die gern in Goa wären. Letzte Woche hat jemand tibetische Mönche organisiert, die im Innenhof tagelang ein Sand-Mandala gestreut haben. Passend dazu hingen wir Gebetsfahnen in allen Farben aus dem Fenster – sich den Himalaya im Hintergrund vorzustellen war wirklich eine Kleinigkeit.

Mittlerweile sind enge Freundschaften über alle Stockwerke hinweg entstanden, und wir sehen dem Winter mit Zuversicht entgegen. Bei unserer letzten Zusammenkunft ist allerdings fast ein kleiner Streit entbrannt. Jemand erzählte uns, dass sich auch in der Parallelstraße die Nachbarn versammeln. Dort spielt man angeblich das Spiel „The Hat and the Key“: Es wird ein Hut herumgereicht, in den alle Männer des Hauses ihre Wohnungsschlüssel werfen. Danach wird der Hut unter den anwesenden Frauen herumgereicht, die mit geschlossenen Augen einen Schlüssel ziehen. Mit dem jeweiligen Schlüsselbesitzer dürfen sie dann die Nacht verbringen. Das Spiel haben ihnen die neu eingezogenen Expats beigebracht, die sich in Dubai auf diese Weise über ihr Heimweh hinwegtröstet haben. Jedes Weh hat eben seine eigene Bewältigungsstrategie.

Die einzigen, die all diese aufregenden Entwicklungen verpassen, sind Ralf und Raimund aus dem Dachgeschoss. Sie haben sich pünktlich mit dem ersten grauen Regentag nach Mauritius abgesetzt, wo sie eine Zweitwohnung besitzen. Wenn sie Anfang Mai wiederkommen und in Berlin endlich wieder Bäume blühen und Vögel zwitschern, wird es im Innenhof aussehen, als wäre nie etwas vorgefallen.

Dann wird sich zeigen, ob es die beiden am echten Strand mit echtem Meer, echtem Luxus und non-stop-Wellness so viel besser hatten als wir hier in Berlin, mit unserem Fernweh und der Sternenlotterie.

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