DER FILMABEND

2022-05-20T07:07:24+00:00Mai 20, 2022|1 Kommentar

Vor einigen Jahren schenkten wir meiner Mutter zu Weihnachten eine Sammlung ihrer früheren Lieblingsfilme für die neue Leinwand in ihrem Wohnzimmer. Im Gegensatz zum Rest der Familie besaß sie noch einen DVD-Player. Als nach den Festtagen die anderen Familienmitglieder schon wieder abgereist waren, planten wir zu zweit einen gemütlichen Mutter-Tochter-Abend, für den sie dann den passenden Film auswählte: Dr. Schiwago.
Der Abend fiel in meine Zeit an der Filmschule, und so sah ich ihn auch als Recherche — gerade hatte ich ein Blockseminar zu filmischen Erzählmustern absolviert. Es konnte nichts schaden, über die legendären Klassiker der Vergangenheit informiert zu sein. Vom Winde verweht hatte ich irgendwann gesehen, von Dr. Schiwago kannte ich nur die Titelmelodie. Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich, und ich startete den Film.

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Vor einigen Jahren schenkten wir meiner Mutter zu Weihnachten eine Sammlung ihrer früheren Lieblingsfilme für die neue Leinwand in ihrem Wohnzimmer. Im Gegensatz zum Rest der Familie besaß sie noch einen DVD-Player. Als nach den Festtagen die anderen Familienmitglieder schon wieder abgereist waren, planten wir zu zweit einen gemütlichen Mutter-Tochter-Abend, für den sie dann den passenden Film auswählte: Dr. Schiwago.
Der Abend fiel in meine Zeit an der Filmschule, und so sah ich ihn auch als Recherche — gerade hatte ich ein Blockseminar zu filmischen Erzählmustern absolviert. Es konnte nichts schaden, über die legendären Klassiker der Vergangenheit informiert zu sein. Vom Winde verweht hatte ich irgendwann gesehen, von Dr. Schiwago kannte ich nur die Titelmelodie. Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich, und ich startete den Film.

Es dauerte nicht lange, und wir waren ernsthaft gefordert. Die Handlung begann reichlich abrupt, um nicht zu sagen, mitten im Konflikt. Auch die Dialoge warfen Rätsel auf.
Meine Mutter neben mir runzelte in äußerster Konzentration die Stirn — eine Haltung, in der man sie eher selten während eines Films erlebt. Die meisten Handlungen langweilen sie, ich erinnere mich an diverse Familienabende, die sie uns genüßlich mit Spoiler-Voraussagen verdorben hat. Diesmal hingegen tauschten wir wilde Vermutungen über die Beziehungen der Personen aus.

„Das ist ja vollkommen achronologisch erzählt“, bemerkte ich. „Für einen Film aus den sechziger Jahren sehr avantgardistisch!“
Meine Mutter betrachtete argwöhnisch die Hülle der DVD. War das wirklich ihr Lieblingsfilm, oder etwa ein verhunztes, modernes Remake? Omar Sharif war auf der Leinwand allerdings klar zu erkennen, ebenso wie Julie Christie und Geraldine Chaplin.
„In der Postmoderne verläuft die Handlung selten linear“, erklärte ich ihr. Mein neues Filmwissen wurde hier offensichtlich sofort gebraucht. „Zeit und Raum werden aufgelöst, es gibt die episodische Struktur oder den sequenziellen Multiplot. Kennst du zum Beispiel den Film ’21 Gramm’?“
„Schhht!“ zischte meine Mutter. Auf der Leinwand steigerten sich Lara und Dr. Schiwago gerade in einen tragischen Dialog hinein. „Schon merkwürdig, wo sie sich erst einmal gesehen haben.“
„Der Anfang ihrer Beziehung wird komplett in die Fantasie verlegt“, nickte ich. „Der Zuschauer ist bei diesem Film sehr gefordert.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Ich hatte es nicht so kompliziert in Erinnerung.“
„Das wird sicher alles noch aufgelöst“, beruhigte ich sie. „Vielleicht ist es rückwirkend dekonstruiert erzählt. Da erfährt man die wahre Bedeutung der Handlung erst ganz zum Schluss.“

Wir schauten weiter und sahen uns Personen gegenüber, die ohne Vorwarnung ins Geschehen geworfen wurden. Das Ende hinterließ uns mit mehr Fragen als Antworten.
„Es wird wirklich vieles offen gelassen. Vielleicht könnte man es als asymptotische Auflösung bezeichnen“, analysierte ich. „Man nähert sich der Lösung an, aber manches erfährt man eben nie.“ Meine Mutter zuckte resigniert die Schultern und schenkte uns Rotwein nach.

Als ich die DVD zurück in die Hülle legen wollte, bemerkte ich eine zweite DVD im Inneren. Die war mir zuerst gar nicht aufgefallen.
„Das ist sicher das Bonus-Material“, sagte ich. „Da gibt es vielleicht ein Interview mit dem Regisseur über seine künstlerischen Absichten. Das sehen wir uns jetzt an.“

Ich legte die DVD ein, und die Titelmelodie des Films schallte durchs Wohnzimmer. In voller epischer Breite erschien jetzt Vorspann und Anfang der Geschichte, sämtliche Figuren, die uns so viel Kopfzerbrechen bereitet hatten, wurden in aller Ruhe vorgestellt. Natürlich — der Film hatte Überlänge und war auf zwei DVDs aufgeteilt. Die musste man sich allerdings in der richtigen Reihenfolge anschauen. Die nächste Stunde saßen wir stumm vor der Leinwand und ließen die überwältigende Klarheit von Handlungs- und Beziehungsebene auf uns wirken. Nach vielen „Ach so!“, „Ja, sicher!“, „Ah, deshalb!“ kam der erste Teil des Films zum Schluss.

„Dieses Filmstudium macht ja wohl ein bisschen blümerant“, bemerkte meine Mutter, als sie später die Weingläser in die Küche trug.
Ich musste an meine zwei Semester Theaterwissenschaft denken, in denen ich meine Familie in eine Aufführung des Berliner Ensembles geschleppt hatte: ‚Herr Puntila und sein Knecht Matti‘ mit maximalem Verfremdungseffekt. Vierzig Knechte Matti wiederholten sämtliche Sätze im monotonen Echo-Sprechchor, was die Länge des Stücks auf viereinhalb Stunden steigerte. Aus Recherchegründen bestand ich darauf, bis zum Ende zu bleiben, während zwei Drittel des Theaterpublikums vorher aufgab. Danach weigerte sich meine Familie jahrelang, mit mir ins Theater zu gehen.

Auch dieser Filmabend hinterließ seine Spuren. Filmempfehlungen von mir werden mit großer Skepsis entgegengenommen, und meine Mutter hat ihre restlichen DVDs allein angeschaut.
Selbst bei mir ist seit der achronologischen Version von Dr. Schiwago ein gewisses dramaturgisches Misstrauen hängengeblieben. Wenn mir heute in einem Theaterstück das Geschehen zu surreal vorkommt, schaue ich sicherheitshalber auf mein Eintrittsticket, ob ich nicht aus Versehen zur Pause gekommen bin. Man soll seine philosophischen Ressourcen nicht unnötig verschwenden. Eine Einstellung, die übrigens auch im Umgang mit experimenteller Musik oder Konzeptkunst sehr hilfreich sein kann… aber das ist eine andere Geschichte.

Es dauerte nicht lange, und wir waren ernsthaft gefordert. Die Handlung begann reichlich abrupt, um nicht zu sagen, mitten im Konflikt. Auch die Dialoge warfen Rätsel auf.
Meine Mutter neben mir runzelte in äußerster Konzentration die Stirn — eine Haltung, in der man sie eher selten während eines Films erlebt. Die meisten Handlungen langweilen sie, ich erinnere mich an diverse Familienabende, die sie uns genüßlich mit Spoiler-Voraussagen verdorben hat. Diesmal hingegen tauschten wir wilde Vermutungen über die Beziehungen der Personen aus.

„Das ist ja vollkommen achronologisch erzählt“, bemerkte ich. „Für einen Film aus den sechziger Jahren sehr avantgardistisch!“
Meine Mutter betrachtete argwöhnisch die Hülle der DVD. War das wirklich ihr Lieblingsfilm, oder etwa ein verhunztes, modernes Remake? Omar Sharif war auf der Leinwand allerdings klar zu erkennen, ebenso wie Julie Christie und Geraldine Chaplin.
„In Filmen der Postmoderne verläuft die Handlung selten linear“, erklärte ich. Mein neues Filmwissen wurde hier offensichtlich sofort gebraucht. „Zeit und Raum werden aufgelöst, es gibt die episodische Struktur oder den sequenziellen Multiplot. Kennst du zum Beispiel den Film ’21 Gramm’?“
„Schhht!“ zischte meine Mutter. Auf der Leinwand steigerten sich Lara und Dr. Schiwago gerade in einen tragischen Dialog hinein. „Schon merkwürdig, wo sie sich erst einmal gesehen haben.“
„Der Anfang ihrer Beziehung wird komplett in die Fantasie verlegt“, nickte ich. „Der Zuschauer ist bei diesem Film sehr gefordert.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Ich hatte es nicht so kompliziert in Erinnerung.“
Das wird sicher alles noch aufgelöst“, beruhigte ich sie. „Vielleicht ist es rückwirkend dekonstruiert erzählt. Da erfährt man die wahre Bedeutung der Handlung erst ganz zum Schluss.“

Wir schauten weiter und sahen uns Personen gegenüber, die ohne Vorwarnung ins Geschehen geworfen wurden. Das Ende hinterließ uns mit mehr Fragen als Antworten.
„Es wird wirklich vieles offen gelassen. Vielleicht könnte man es als asymptotische Auflösung bezeichnen“, analysierte ich. „Man nähert sich der Lösung an, aber manches erfährt man eben nie.“ Meine Mutter zuckte resigniert die Schultern und schenkte uns Rotwein nach.
Als ich die DVD zurück in die Hülle legen wollte, bemerkte ich eine zweite DVD im Inneren. Die war mir zuerst gar nicht aufgefallen. „Das ist sicher das Bonus-Material“, sagte ich. „Da gibt es vielleicht ein Interview mit dem Regisseur über seine künstlerischen Absichten. Das sehen wir uns jetzt an.“

Ich legte die DVD ein, und die Titelmelodie des Films schallte durchs Wohnzimmer. In voller epischer Breite erschien jetzt Vorspann und Anfang der Geschichte, sämtliche Figuren, die uns so viel Kopfzerbrechen bereitet hatten, wurden in aller Ruhe vorgestellt. Natürlich — der Film hatte Überlänge und war auf zwei DVDs aufgeteilt. Die musste man sich allerdings in der richtigen Reihenfolge anschauen. Die nächste Stunde saßen wir stumm vor der Leinwand und ließen die überwältigende Klarheit von Handlungs- und Beziehungsebene auf uns wirken. Nach vielen „Ach so!“, „Ja, sicher!“, „Ah, deshalb!“ kam der erste Teil des Films zum Schluss.

„Dieses Filmstudium macht ja wohl ein bisschen blümerant“, bemerkte meine Mutter, als sie später die Weingläser in die Küche trug.
Ich musste an meine zwei Semester Theaterwissenschaft denken, in denen ich meine Familie in eine Aufführung des Berliner Ensembles geschleppt hatte: ‚Herr Puntila und sein Knecht Matti‘ mit maximalem Verfremdungseffekt. Vierzig Knechte Matti wiederholten sämtliche Sätze im monotonen Echo-Sprechchor, was die Länge des Stücks auf viereinhalb Stunden steigerte. Aus Recherchegründen bestand ich darauf, bis zum Ende zu bleiben, während zwei Drittel des Theaterpublikums vorher aufgab. Danach weigerte sich meine Familie jahrelang, mit mir ins Theater zu gehen.

Auch dieser Filmabend hinterließ seine Spuren. Filmempfehlungen von mir werden mit großer Skepsis entgegengenommen, und meine Mutter hat ihre restlichen DVDs allein angeschaut.
Selbst bei mir ist seit der achronologischen Version von Dr. Schiwago ein gewisses dramaturgisches Misstrauen hängengeblieben. Wenn mir heute in einem Theaterstück das Geschehen zu surreal vorkommt, schaue ich sicherheitshalber auf mein Eintrittsticket, ob ich nicht aus Versehen zur Pause gekommen bin. Man soll seine philosophischen Ressourcen nicht unnötig verschwenden. Eine Einstellung, die übrigens auch im Umgang mit experimenteller Musik oder Konzeptkunst sehr hilfreich sein kann… aber das ist eine andere Geschichte.

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Ein Kommentar

  1. Dani Mai 24, 2022 um 9:41 am Uhr - Antworten

    Köstlich 🙂

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