BLAU

2022-04-13T19:00:05+00:00April 1, 2022|2 Kommentare

Die Farbe Blau ist die Diva unter den Farben, weshalb ich ihr von Anfang an misstraute.

Früher waren die Menschen mit ihrer Beschreibung überfordert, als namenlose Göttin herrschte sie über Himmel und Meer. Homer sah in seiner Odyssee das Meer noch als dunkelrot an, erst durch die Färbemittel der Ägypter entstand die Bezeichnung ‚blau‘.

Von nun an biederten sich alle möglichen Leute bei blau an: als erstes die Aristokraten, die aus ihrer kostspieligen Herstellung ein Statussymbol machten. Dann die Kirche: sie setzten blau als Farbe für das Bildnis der Jungfrau Maria fest, sie wurde ein Symbol für Tugend und Unschuld. Später schufen die Romantiker die blaue Blume und sahen in ihr die Sehnsucht nach Unendlichkeit, die Jazzmusiker erfanden die blue note und ließen so ihrer Melancholie freien Lauf.

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Die Farbe Blau ist die Diva unter den Farben, weshalb ich ihr von Anfang an misstraute.
Früher waren die Menschen mit ihrer Beschreibung überfordert, als namenlose Göttin herrschte sie über Himmel und Meer. Homer sah in seiner Odyssee das Meer noch als dunkelrot an, erst durch die Färbemittel der Ägypter entstand die Bezeichnung ‚blau‘.

Von nun an biederten sich alle möglichen Leute bei blau an: als erstes die Aristokraten, die aus ihrer kostspieligen Herstellung ein Statussymbol machten. Dann die Kirche: sie setzten blau als Farbe für das Bildnis der Jungfrau Maria fest, sie wurde ein Symbol für Tugend und Unschuld. Später schufen die Romantiker die blaue Blume und sahen in ihr die Sehnsucht nach Unendlichkeit, die Jazzmusiker erfanden die blue note und ließen so ihrer Melancholie freien Lauf.

Auch die Sprache hatte ein Auge auf blau geworfen: der Engländer ‚was feeling blue‘, oder er wurde ‚out of the blue‘ überrascht, im Deutschen log man ‚das Blaue vom Himmel‘, erlebte sein ‚blaues Wunder‘ oder ‚machte blau‘. In der Kunst entstand das International Klein Blue, und für Picasso war blau die einzige Farbe, in der er sich wohl fühlte.
Blau machte in jedem Zusammenhang eine gute Figur, bekannte sich aber zu niemandem und blieb durch alle Jahrhunderte die unnahbare Sphinx, die sie von Anfang an gewesen war.

Die Jungfrau Maria hätte es schockiert, wenn sie gesehen hätte, wie ihre einst tugendhafte Farbe späteren Filmfiguren Laszivität und Sexappeal verlieh. Uma Thurman räkelte sich in Pulp Fiction rauchend auf dem Bett, angestrahlt durch intensives, blaues Licht. Zuletzt behauptete gar ein französischer Film, blau sei eine warme Farbe und ließ diesem Statement ausführliche lesbische Sexszenen folgen.

Auch die Sprache hatte ein Auge auf blau geworfen: der Engländer ‚was feeling blue‘, oder er wurde ‚out of the blue‘ überrascht, im Deutschen log man ‚das Blaue vom Himmel‘, erlebte sein ‚blaues Wunder‘ oder ‚machte blau‘. In der Kunst entstand das International Klein Blue, und für Picasso war blau die einzige Farbe, in der er sich wohl fühlte.

Blau machte in jedem Zusammenhang eine gute Figur, bekannte sich aber zu niemandem und blieb durch alle Jahrhunderte die unnahbare Sphinx, die sie von Anfang an gewesen war.

Die Jungfrau Maria hätte es schockiert, wenn sie gesehen hätte, wie ihre einst tugendhafte Farbe späteren Filmfiguren Laszivität und Sexappeal verlieh. Uma Thurman räkelte sich in Pulp Fiction rauchend auf dem Bett, angestrahlt durch intensives, blaues Licht. Zuletzt behauptete gar ein französischer Film, blau sei eine warme Farbe und ließ diesem Statement ausführliche lesbische Sexszenen folgen.

Auch die Politik biss sich an blau die Zähne aus: während sich überall auf der Welt liberale und konservative Parteien mit ihr verbündeten, gewährte blau in den USA den Demokraten ihre Gunst. Es stellt sich die Frage, ob das Land wirklich aus politischen Gründen gespalten ist, oder ob ein Großteil der Wähler nicht einfach unter der Farbverwirrung leidet, die blau da angerichtet hat.

Mit einer Farbe, die so viel Macht ausübt, muss man vorsichtig umgehen. In meiner Kindheit schmeichelte ich ihr deshalb, wollte sie für meine Cornflakes-Schale und als Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur und machte regelmäßig große blaue Tintenflecke auf all meine Schulsachen. Irgendwann kam sie von sich aus auf mich zu: Meine erste große Liebe, der ich vom Schulhof aus heimlich nach Hause folgte, wohnte in einem blauen Haus. Meine beste Englischarbeit schrieb ich in einem blauen Heft. Meine liebste Sportart war Schwimmen, natürlich in einem blauen Pool. Selbst mein Lieblingstier, das Pferd, schaffte es nicht, unser besonderes erhältnis zu zerstören, denn ich entdeckte, dass Franz Marc es in weiser Voraussicht in blau gemalt hatte.

Auch die Politik biss sich an blau die Zähne aus: während sich überall auf der Welt liberale und konservative Parteien mit ihr verbündeten, gewährte blau in den USA den Demokraten ihre Gunst. Es stellt sich die Frage, ob das Land wirklich aus politischen Gründen gespalten ist, oder ob ein Großteil der Wähler nicht einfach unter der Farbverwirrung leidet, die blau da angerichtet hat.

Mit einer Farbe, die so viel Macht ausübt, muss man vorsichtig umgehen. In meiner Kindheit schmeichelte ich ihr deshalb, wollte sie für meine Cornflakes-Schale und als Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur und machte regelmäßig große blaue Tintenflecke auf all meine Schulsachen. Irgendwann kam sie von sich aus auf mich zu: Meine erste große Liebe, der ich vom Schulhof aus heimlich nach Hause folgte, wohnte in einem blauen Haus. Meine beste Englischarbeit schrieb ich in einem blauen Heft. Meine liebste Sportart war Schwimmen, natürlich in einem blauen Pool. Selbst mein Lieblingstier, das Pferd, schaffte es nicht, unser besonderes erhältnis zu zerstören, denn ich entdeckte, dass Franz Marc es in weiser Voraussicht in blau gemalt hatte.

Während meiner Studienzeit versuchte ich, blau weiter bei Laune zu halten — ich aß morgens Heidelbeeren, war für Europa und zahlte mit Paypal. Doch unser Verhältnis trübte sich trotzdem. Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, es schienen bedeutungslose Details: Mein neuer, skrupelloser Vermieter hatte ein blaues Auto. Die Affäre meines Freundes hatte blaue Augen. Von den Wellensittichen meiner Oma starb der blaue, der gelbe lebt immer noch. Dann kam der Tag, an dem ich den Tatsachen ins Auge sehen musste: Dr. Densey, mein Liebling aus der Krankenhausserie, starb vor meinen Augen. Die Schwestern riefen voller Verzweiflung „Code blue, Code blue!“, aber es war zu spät. Die Wiederbelebung scheiterte, und die Serie musste von da an ohne sein Lächeln auskommen, ohne seine Affären und vor allem ohne seine lebensrettende Weisheit, die jeden Patienten innerhalb von fünfundvierzig Minuten von den gefährlichsten Seuchen dieser Welt geheilt hatte.

Während meiner Studienzeit versuchte ich, blau weiter bei Laune zu halten — ich aß morgens Heidelbeeren, war für Europa und zahlte mit Paypal. Doch unser Verhältnis trübte sich trotzdem. Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, es schienen bedeutungslose Details: Mein neuer, skrupelloser Vermieter hatte ein blaues Auto. Die Affäre meines Freundes hatte blaue Augen. Von den Wellensittichen meiner Oma starb der blaue, der gelbe lebt immer noch. Dann kam der Tag, an dem ich den Tatsachen ins Auge sehen musste: Dr. Densey, mein Liebling aus der Krankenhausserie, starb vor meinen Augen. Die Schwestern riefen voller Verzweiflung „Code blue, Code blue!“, aber es war zu spät. Die Wiederbelebung scheiterte, und die Serie musste von da an ohne sein Lächeln auskommen, ohne seine Affären und vor allem ohne seine lebensrettende Weisheit, die jeden Patienten innerhalb von fünfundvierzig Minuten von den gefährlichsten Seuchen dieser Welt geheilt hatte.

Ich zog die Konsequenzen. Wutentbrannt wechselte ich zur Commerzbank, kaufte einen weißen Mini, entsorgte mein Zwiebelmuster-Geschirr und ging nicht mehr schwimmen. Stattdessen wanderte ich über grüne Wiesen, interessierte mich für Schwarzweiß-Malerei und fuhr in Länder, in denen es regnet.

Trotzdem war etwas nicht so leicht, wie es sein sollte. Blau ließ sich nicht so einfach ignorieren — sie erschien mir unentwegt, in allen möglichen Gestalten: Die Parkscheibe im Auto. Die Butterverpackung im Supermarkt. Meine Jeans, Facebook, im Radio Gershwins ‚Rhapsody in blue‘. Aber ich hatte meinen Stolz. Wenn blau mich zurück gewinnen wollte, musste sie sich wirklich ins Zeug legen. Konsequent hielt ich meinen Kurs, kaufte eine lila Winterjacke, schlief in grünem Bettzeug und aß von roten Tellern.

Ich zog die Konsequenzen. Wutentbrannt wechselte ich zur Commerzbank, kaufte einen weißen Mini, entsorgte mein Zwiebelmuster-Geschirr und ging nicht mehr schwimmen. Stattdessen wanderte ich über grüne Wiesen, interessierte mich für Schwarzweiß-Malerei und fuhr in Länder, in denen es regnet.

Trotzdem war etwas nicht so leicht, wie es sein sollte. Blau ließ sich nicht so einfach ignorieren — sie erschien mir unentwegt, in allen möglichen Gestalten: Die Parkscheibe im Auto. Die Butterverpackung im Supermarkt. Meine Jeans, Facebook, im Radio Gershwins ‚Rhapsody in blue‘. Aber ich hatte meinen Stolz. Wenn blau mich zurück gewinnen wollte, musste sie sich wirklich ins Zeug legen. Konsequent hielt ich meinen Kurs, kaufte eine lila Winterjacke, schlief in grünem Bettzeug und aß von roten Tellern.

Bis ich Alexander kennenlernte. Alexander Blau. Sein Charme schlug ein wie eine Bombe, und er umwarb mich geduldig, mit sanft-raffinierter Hartnäckigkeit. Sein äußeres Verhältnis zu blau war subtil, er trug türkis oder petrol. Dafür war jedes Abheben des Telefons ein Faustschlag in die Magengrube: „Blau?“ Nach einem Jahr gab ich mich geschlagen.

Geheiratet habe ich ihn allerdings nicht. Jede Unterschrift wäre ein Bekenntnis lebenslanger Loyalität — und das hätte ich blau einfach nicht gegönnt.
Dafür bin ich dann selbst zu sehr eine Diva.

Bis ich Alexander kennenlernte. Alexander Blau. Sein Charme schlug ein wie eine Bombe, und er umwarb mich geduldig, mit sanft-raffinierter Hartnäckigkeit. Sein äußeres Verhältnis zu blau war subtil, er trug türkis oder petrol. Dafür war jedes Abheben des Telefons ein Faustschlag in die Magengrube: „Blau?“ Nach einem Jahr gab ich mich geschlagen. Geheiratet habe ich ihn allerdings nicht. Jede Unterschrift wäre ein Bekenntnis lebenslanger Loyalität — und das hätte ich blau einfach nicht gegönnt. Dafür bin ich dann selbst zu sehr eine Diva.

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2 Kommentare

  1. Katharina April 1, 2022 um 12:14 pm Uhr - Antworten

    👏👏👏

  2. Dani April 1, 2022 um 3:10 pm Uhr - Antworten

    Ich habe das Stück sehr gerne gelesen. Danke.

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